FC Sevilla gegen FC Barcelona: Taktikrückblick

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Bildquelle: fcbarcelona.com

Die Partie war seit einer geraumen Zeit abgepfiffen, die Zuschauer bereits auf dem Nachhauseweg und die Diskussionen auf dem Rasen schon längst verklungen. Die Teilnehmer des gestrigen Barçawelt-Chats machten zunächst aber keinerlei anstalten, sich in die Nachtruhe zu verabschieden. An einen ruhigen Schlaf war nicht zu denken, der 3:2 Siegtreffer durch David Villa bewirkte eine Adrenalinexplosion, welche die Anhänger noch für mindestens die nächsten zwei Stunden in einen Zustand der wunschlosen Glückseligkeit versetzt hat. Es war ein großer Sieg der Mannschaft gegen einen Gegner, der ebenfalls erhobenen Hauptes den Platz verlassen konnte. Der FC Sevilla bot dem Gast einen harten, aber fairen Kampf und brachte ihn an den Rand der Niederlage.

Song in der Innenverteidigung, Alba Adriano-Ersatz

Im Vorfeld der Begegnung gab es viele Stimmen, die dem FC Barcelona eine schwere Aufgabe prophezeit haben. Sie sollten im Nachhinein betrachtet vollkommen Recht behalten. Der FC Sevilla spielte beinahe auf dem Niveau von Real Madrid und setzte die Katalanen zuweilen unter einen starken Druck. Doch der Reihe nach. Tito Vilanova vertraute auch in diesem Spiel wieder auf das bewährte 4-3-3-System, auf das er bisher in jeder Partie der Saison zurückgegriffen hat. In der Abwehr ersetzte Jordi Alba den verletzten Adriano, Alexandre Song wurde wie erwartet in der Innenverteidigung aufgeboten. Im Mittelfeld agierten Xavi, Busquets und Fàbregas, der den immer noch verletzten und schmerzlich vermissten Iniesta vertrat. Die Angriffsreihe wurde gebildet von Pedro, Messi und Alexis Sánchez. Insofern hielt die Startaufstellung also keinerlei Überraschungen bereit. Mit der Hereinnahme von Jordi Alba konnte man aber im Vergleich zu den vorangegangenen Spielen etwas mehr Belebung auf dem linken Flügel erwarten.

Zweistufensystem von Sevilla

Die Mannschaft von Sevilla erwartete die Angriffe des FC Barcelona in einem Gewand, das sich vornehmlich durch ein 4-1-4-1 charakterisieren lässt, zumindest in der Abwehrhaltung. Der FC Sevilla wartete mit einem Zweistufensystem auf, um sich der Angriffe des Gegners zu erwehren. Auf ein Angriffspressing verzichtete der Gastgeber fast gänzlich, dafür aber gab er sich redlich Mühe, ein geordnetes aggressives Mittelfeldpressing aufrecht zu erhalten. Der Ball sollte nach Möglichkeit bereits im zweiten Spielfelddrittel erobert werden, um bei den dem Ballgewinn folgenden Kontern in der Gleich- oder sogar Überzahl zu sein. Zu diesem Anlass wurden die ballführenden Spieler des FC Barcelona bereits auf Höhe der Mittellinie hart von den Gegenspielern angegangen und die Anspielstationen zugestellt. Gelang es dem FC Sevilla durch diese Vorgehensweise nicht, den Ball zu erobern, zog man sich die Mittelfeldlinie weiter zurück und positionierte sich in die unmittelbare Nähe der Viererabwehrkette.

Hybride Rolle des defensiven Mittelfeldspielers

Eine besondere Rolle beim FC Sevilla nahm ihr defensiver Mittelfeldspieler ein. Beim Mittelfeldpressing seiner Mannschaft füllte er die Lücken, die dadurch entstanden sind, dass Spieler aus der Mittelfeldkette herausrückten, um den ballführenden Spieler anzulaufen. Wählten seine Mitspieler auf der Höhe des Mittelfeldes eine eher abwartende Haltung(ein permanentes Pressing hält keine Mannschaft physisch auf Dauer durch), begab er sich in die Schnittstelle zwischen Mittelfeld und Abwehr und war darum bemüht, dass die zwischen den Ketten lauernden Spieler des Gegners, zumeist Messi und Fàbregas, nicht an den Ball kommen. Er folgte ihnen und nahm sie zum Teil auch in Manndeckung. Sofern das Mittelfeld umspielt wurde und sich folgerichtig zurückzog, gliederte sich der defensive Mittelfeldspieler Sevillas auch in die Abwehr ein und erweiterte sie zu einer Fünferabwehrkette. Dadurch war es Sevilla möglich, die gesamte Spielfeldbreite abzudecken und kaum Lücken entstehen zu lassen. Diese hybride Rolle des Spielers war ein feiner Schachzug des gegnerischen Trainers, die gut aufging.

Sánchez wirkungslos, Alves mit wenig Vorwärtsdrang

Gegen diese Verteidigungsstrategie taten sich die Katalanen nicht leicht, aber kamen vereinzelt zu guten Torchancen. Nicht immer gelang es dem Gastgeber, Lochpässe an den Mittelfeldspielern vorbei zu unterbinden. Mit einem gepflegten Kombinationsspiel konnte der Gast, nachdem er nur noch die Abwehr vor sich sah, auch aus dem Zentrum heraus gefährlich werden, wie die beste Torchance in der ersten Halbzeit durch Messi verdeutlicht. Es war sehr ärgerlich, dass Messi in dieser Situation durch ein Foul einer exzellenten Schussposition beraubt wurde. Überdies hinaus war aber der Schlüssel zum Erfolg in der ersten Halbzeit weniger im Zentrum zu finden. Man hätte sich gewünscht, dass die Außenbahnen systematischer und erfolgreicher bearbeitet worden wären. Sanchez war zwar auf dem rechten Flügel stets anspielbar, reibte sich jedoch in Zweikämpfen mit dem linken Außenverteidiger von Sevilla auf und wurde darüber hinaus oftmals gedoppelt. Unterstützung durch Alves bekam er kaum, der wieder einmal nur sehr verhalten den Weg nach vorne suchte. Man kann Alves diesbezüglich aber keinen Vorwurf machen, das ist die Handschrift von Tito Vilanova, der im Gegensatz zu Guardiola offenbar nicht möchte, dass der Außenstürmer nach innen zieht und die Bahn frei macht für den Außenverteidiger. Die exakten Wirkungen dieser Umstellung würden den Rahmen sprengen. Aber sicher ist zumindest, dass die tiefere Stellung von Alves und der gemäßigte Vorwärtsdrang der Stabilität der Defensive zugute kommen sollen. Der Weg von Alves zurück in die Defensive, nachdem der Ball verloren gegangen ist, soll verringert und damit das Risiko von Unterzahlsituationen bei gegnerischen Kontern minimiert werden. 

Linke Angriffsseite: Jordi Alba zu wenig in Szene gesetzt

Auch auf der linken Angriffsseite funktionierte nicht alles reibungslos, weil Jordi Alba ebenfalls selten nach vorne vorstieß. Einige Male zog Pedro ins Zentrum und Alba rückte nicht konsequent nach, wodurch eine Lage der Verwaisung entstand. Jesús Navas hat mit seinen Ausflügen auf der aus seiner Sicht gesehen rechten Flanke bei Alba offenbar für ein wenig Verunsicherung gesorgt. Das eigentliche Problem aber offenbarte sich dann, wenn Alba den Mut fand, den Weg nach vorne zu wagen. Die – stillschweigende – Kommunikation mit Pedro funktionierte im ersten Durchgang eher schlecht als recht. Pedro nahm den hinter ihm durchstartenden Alba nicht mit, weil er ihn entweder nicht wahr nahm oder im Zusammenspiel mit den Spielern im Zentrum eine größere Chance sah, zum Erfolg zu kommen. Dabei war der Ball auf Jordi Alba hin zur Grundlinie die wohl beste Option, die das katalanische Angriffsspiel zu bieten hätte in Halbzeit eins. An der Betrachtung der Flügel sieht man, wie stark taktische Aspekte und die Umsetzung der Spieler miteinander verzahnt sind. Eine gute Taktik kann in einem Desaster münden, wenn die Spieler individuelle Schwächen zeigen. Dagegen kann eine schlechte Taktik durchaus von der individuellen Klasse eines Spieler überlagert und verschleiert werden. Nach dem Gegentor verschärfte sich die Lage des FC Barcelona, weil die Spieler des FC Sevilla sich im Aufwind sahen und nun noch mehr in das Spiel investierten. Sie sahen, dass die Umsetzung der Vorgaben ihres Trainers erste Früchte trug und gingen noch engagierter zu Werke.

Zweite Halbzeit: Belebung der Außenbahnen

Die Mannschaften begannen die zweite Halbzeit unverändert, und noch ehe die Katalanen zur Aufholjagd ansetzen konnten, stand es 2:0 für den FC Sevilla. Das Mittelfeldpressing des Gastgebers hat einen Ballverlust auf Höhe der Mittellinie provoziert und der Rest war nur die logische Konsequenz dieses Ballverlustes. Lionel Messi, bisweilen kaum zur Geltung gekommen, wird gleich von mehreren Gegenspielern angegangen und unter Druck gesetzt, die einen Pass an den kleinen Argentinier antizipieren. Sergio Busquets wiederum antizipiert die Antizipation des Gegners und spielt einen etwas versetzten Pass. Das Mittelfeldpressing von Sevilla hat also zugeschlagen und die Blaugrana stark unter Zugzwang gesetzt. Wenngleich Vilanova keinerlei personelle Veränderungen zur Pause vornahm, hat er den Spielern wohl auf den Weg gegeben, mehr über den Flügel zu kommen und die zentrierte Stellung des Gegners mehr auszunutzen. Alexis Sánchez und Pedro wechselten zu diesem Zweck die Seiten und tatsächlich lief es sodann besser. Alexis hat den hinter ihm durchstartenden Jordi Alba zwei bis drei Mal mitgenommen und dieser konnte mit Hereingaben ins Zentrum oder auf den langen Pfosten(Pedro wartete einmal als Abnehmer, Klärung auf der Linie) für Gefahr sorgen. Die Räume für ein solches Vorgehen waren insbesondere dann vorhanden, wenn die Mittelfeldspieler aufgerückt waren oder ausgespielt wurden und der linke äußere Mittfeldspieler nicht rechtzeitig zur Doppelung auf den Außen ausrücken konnte. Auch der Innenverteidiger ließ sich nur selten dazu verleiten, auf die Außen herauszurücken, sodass der Außenverteidiger sich Alexis und Jordi Alba gegenübersah.

Das 3-3-4 und die rote Karte sorgen für die Wende

Zählbares sprang aber vorerst nicht heraus. Spielentscheidend sollten die rote Karte für den Gegner und einmal mehr die Wechsel von Tito Vilanova werden. Nach dem Platzverweis stellte der Trainer von Sevilla auf ein 4-4-1 um, das mehr Räume für den FC Barcelona bereithielt. Vilanova dagegen opferte wiederum Dani Alves für einen Stürmer, namentlich David Villa und brachte darüber hinaus mit Tello einen klassischen Flügelstürmer für einen inversen, Alexis Sánchez. Damit ging eine Systemänderung hin zum 3-3-4 einher. Mit zunehmender Spieldauer und einem Mann weniger gelang es dem FC Sevilla immer schlechter, die Lochpässe zu verhindern und die Räume zuzustellen. Die Blaugrana konnte im Gegenzug ihre Spieler in den Schnittstellen zwischen Abwehr und Mittelfeld bedienen, was auch durch David Villa begünstigt wurde, der die Innenverteidiger an sich band. Dadurch hatte Messi zumindest etwas Freiraum vor dem Tor(die IV konnte nicht herausrücken wegen Villa), den er auch sogleich in Torassists ummünzen konnte. Der Erfolg kam also, paradoxerweise, durch die Mitte. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass vor dem Platzverweis, vor den Umstellungen und vor der einsetzenden Müdigkeit des Gegners eine flügelbetontere Herangehensart besser gewesen wäre. Danach waren die Voraussetzungen für ein Flügelspiel günstiger, insbesondere durch die Hereinnahme einer klassichen Neun. Ein tolles Spiel!

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