Klein, Kleiner, SD Eibar

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Am kommenden Samstag kommt Sociedad Deportiva Eibar, kurz SD Eibar, zum FC Barcelona ins Camp Nou. Die baskische Mannschaft bricht mit ihrem Erscheinen in der Primera División gleich einige Rekorde: Eibar ist die kleinste Stadt, die jemals einen Erstligisten gestellt hat, das Stadion ist das kleinste, in dem je spanische Erstligaspiele stattfanden, und der Verein hat mit Abstand das kleinste Etat im Vergleich zu der Konkurrenz – aber dabei keinen Cent Schulden. Wir werfen einen genaueren Blick auf den sympathischen Aufsteiger.

Sensationsaufstieg in die Primera División

Beginnen wir mit einem Flug über das Baskenland. Zwischen den großen Städten Bilbao und San Sebastián haben wir das Hinterland unter uns, grüne Berge, die kleine Täler umgeben. Folgen wir nun dem Flusslauf des Ego, kommen wir in eines dieser engen Täler, in denen wir ein paar alte, stillgelegte Fabrikanlagen sehen, die früher der Waffenindustrie dienten. Hier wohnen – in erster Linie in grauen, tristen Betonblöcken – gerade einmal 27.000 Menschen. Und mittendrin ist der „Fußballplatz“, wie das Estadio Municipal de Ipurua hier weitgehend nur genannt wird. Das ist Eibar. Zugegeben, schön ist es hier nicht. Die Stadt wurde nicht zu Unrecht zu der hässlichsten im ganzen Baskenlande gewählt. Und dennoch hat sie mit der hier ansässigen SD Eibar Geschichte geschrieben.

Es grenzt schon ein Wunder, was hier seit dem Aufstieg 2013 aus der Segunda División B, der dritthöchsten spanischen Spielklasse, passiert ist. Die SD Eibar war auf dem Papier der Abstiegskandidat Nummer Eins, hatte die geringsten finanziellen Mittel (Etat von 3.200.000 Euro) und den vermeintlich schwächsten Kader. Nun, nicht immer passiert das, was man eigentlich erwartet. Anstatt ganz unten in der Tabelle zu stehen, gewann die SD Eibar viele Spiele, viel mehr, als sie verlor. Und am Ende leuchtete ihr Name ganz oben in der Tabelle auf. Noch Wochen nach Abschluss der Saison mussten die Anhänger des Vereins immer wieder kopfschüttelnd schmunzeln, weil ihr Eibar die Segunda División tatsächlich gewonnen hatte. Der krasseste Außenseiter der zweiten Liga steigt nun tatsächlich als Meister in die erste auf und wird sich künftig mit dem FC Barcelona und Real Madrid messen. Unvorstellbar.

Wo das Wörtchen „Geld“ noch groß geschrieben wird…

Doch neben all der Freude kamen auf den Vorstand der SD Eibar auch riesige Probleme zu. Zwar ist Eibar der einzige Erstligist, der keinen einzigen Cent Schulden hat, doch benötigt er wie alle anderen Vereine ein Kapital von mehr als 2.100.000 Euro. Auf dem Konto des baskischen Vereins lagen zu dem Zeitpunkt aber gerade einmal 400.000 Euro. Sollte SD Eibar das restliche Geld nicht bis zum 6. August auftreiben können, würde das einen Zwangsabstieg bis in die 3. Liga zur Folge haben. Der Verein startete deshalb einen Aufruf, Aktien zu kaufen, um Eibar zu retten. Vereinspräsident Alex Aranzábal wollte dabei viele kleine Unterstützer und keine Einzelperson, die den Verein dann möglicherweise übernimmt. Er setzte ein Limit von maximal 100.000 Euro pro Person und das klappte überraschend gut. Nahezu 10.000 Aktionäre aus 50 verschiedenen Ländern, darunter Ex-Spieler wie Xabi Alonso und David Silva, kauften genügend Aktien, um die Lizenz zu sichern. Luis Maria Cendoya, ein 90-jähriger Einwohner, der seit 69 Jahren Vereinsmitglied ist, sicherte sich symbolisch die letzte nötige Aktie.

Noch andere neue Probleme beschäftigten SD Eibar, die für etablierte Erstligisten gar nicht als Probleme wahrzunehmen sind. Die Geschäftsstelle des Vereins musste zum Beispiel von einem Mitarbeiter auf ganze acht Mitarbeiter vergrößert werden. Außerdem stellte sich die Frage, welche Spieler man verpflichten sollte, um in der ersten Liga nicht unterzugehen. Bisher war Eibar ein Verein, der sich gern junge Spieler von größeren Vereinen für eine Spielzeit ausleiht und ihnen Spielzeit gibt. Dadurch konnte man gute Spieler ohne großen finanziellen Aufwand für sich spielen lassen, darunter z.B. Xabi Alonso und David Silva. Doch in diesem Sommer musste etwas Großes her, der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte stand bevor: Dani Nieto wechselte für ca. 150.000 Euro von der Barça B zur SD Eibar. „Wir denken anders als die meisten spanischen Vereine. Bei uns stehen die Finanzen im Vordergrund – mit Verzicht auf bessere Spieler“, so Vereinspräsident Alex Aranzábal. Finanziell wird der Verein allerdings dennoch auf die Probe gestellt. Das Mindestjahresgehalt für Spieler der ersten Liga beträgt 120.000 Euro, wodurch die Gehaltsausgaben in etwa verdoppelt werden.

Zu Fuß zum Spiel und wieder zurück

Auch sonst tickt Eibar anders als die großen Fußballmetropolen. Bei Intersport, dem einzigen Sportgeschäft der Stadt, gingen die 1.200 bestellten Heimtrikots unheimlich schnell aus. Die Fans waren gezwungen, mehrere Wochen lang auf Nachschub aus der Produktion zu warten. Nicht nur daran merkt man, das Fußball die ganze Stadt beherrscht: Die Schüler mögen es, ihre Hausaufgaben am Rande des Trainingsplatzes zu erledigen. Dabei schauen sie den Spielern nebenbei beim Trainieren zu und holen sicher auch gern mal den einen oder anderen Ball unter dem VW Passat des Mannschaftkapitäns hervor. Die Autos werden gebraucht, da der Trainingsplatz etwas außerhalb der Stadt liegt. Vom Stadion aus können allerdings alle Spieler nach Hause laufen – das tun sie dann auch und lassen sich auf dem Nachhauseweg auch gerne mal in das ein oder andere Gespräch mit den Fans verwickeln.

Apropos Stadion: Das Estadio Municipal de Ipurua wird momentan auf der Nordtribüne ausgebaut. Mit Fertigstellung fasst es dann statt der bisherigen 5.250 Zuschauer 6.700. Dieser Schritt ist nötig, um die Lizenz für die zweite Liga zu bekommen, die 6.000 Plätze voraussetzt. Das Problem ist, dass die erste Liga ab der zweiten Saison mindestens 15.000 Plätze sehen möchte – eine unlösbare Aufgabe. Das Stadion ist umgeben von Häusern, ein so großer Ausbau unmöglich. Zudem wäre es grober Unfug, da das Stadion in seiner heutigen Größe bei Heimspielen noch nicht einmal ganz voll wird. Man kann im Falle eines Klassenerhaltes nur hoffen, dass der Verband wie damals bei CD Numancia (mit ca. 9.000 Plätzen) eine Ausnahme macht.

Was erwartet nun den FC Barcelona? SD Eibar setzte bislang auf defensive Stabilität, erzielte die Tore aber dennoch auf sehenswerte Art und Weise. Mit Leidenschaft und Kampf hat die Mannschaft aus sieben Spielen zwei Siege und drei Unentschieden rausgeholt und steht auf Rang 11 der Tabelle. Neben Elche wurde sogar der große Nachbar Real Sociedad besiegt.
Diesen etwas anderen Einblick in die Welt eines Ligakonkurrenten kann man nicht treffender abschließen als mit einem Zitat des Trainers Gaizka Garitano: „Wir haben nicht das große Geld, dafür aber großen Hunger.“

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