Madridismo im Interview mit Barçawelt: Taktische Analyse vor dem El Clásico

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Am Samstag ist es wieder so weit, die ganze Welt blickt auf das Gigantenduell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Anlässlich des Clásicos haben wir ein ausführliches Interview mit Patrick Ramos von madridismo.de geführt, der uns tiefe Einblicke in die taktischen Aspekte und mögliche Herangehensweise von Real Madrid bzw. Rafael Benítez gewährte. Mit dem folgenden Gast haben wir einen wahren Fachmann interviewt und sind froh, seine Expertise mit euch teilen zu können. 

Kann Rafael Benítez die Madrilenen auf Barça einstellen?

Wie wird Benítez Real Madrid auf Barça einstellen? Eher offensiv oder defensiv? Lässt er die Spieler auch so gegen andere Mannschaften auflaufen? Mit welcher Startelf ist zu rechnen?

Rafael Benítez ist grundsätzlich schon ein Trainer, der zuerst an die Defensive denkt. Die Ausrichtungen waren in den großen Spielen jetzt nicht unbedingt ein offensives Feuerwerk. Gegen größere Namen wie PSG haben wir ordentlich begonnen, gegen Atlético kam kaum etwas zustande. Einen großen Kniff wie Ramos oder Pepe im defensiven Mittelfeld wird man unter Benítez denke ich nicht sehen (lach). Dafür ist er ein zu traditioneller Trainer, der auch im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern die meisten taktischen Optionen im Kader hat, die so ein Experiment unnötig erscheinen lassen. Ich denke, er wird daher die stärkste Elf auflaufen lassen, die er fit zur Verfügung haben wird – mit der einzigen Ausnahme: Casemiro. Er ist der Einzige, der sich vielleicht gegen James oder Kroos in der Startelf durchgesetzt hat und aufgrund des Gegners gute Chancen haben könnte, zu starten.

Wie würde der Madrid-Coach seine Spieler bei einer Führung umstellen?
In der Regel agiert man unter Benítez sehr kompakt und defensiv eng gestaffelt. Sollte man also führen, wird man dafür bereits von Beginn an einen Plan haben. Ich denke nicht, dass Rafa direkt dichtmacht, wenn man mit 1:0 in Führung geht. Natürlich hat er neben Jesé, Vazquez, Isco – und je nachdem, ob er startet oder nicht – auch mit Casemiro einige defensivere Optionen auf der Bank. Oftmals in der Saison wurde gerade gegen Ende dann auf eine Form des 4-5-1 mit Ronaldo alleine vorne oder des 4-4-1-1 mit defensiven Flügeln umgestellt. Benítez weiß, wie er hinten dichtmacht, zumindest was seine Formationen angeht.

Und bei einem Rückstand?
Sollte man zurückliegen, schätze ich den Spanier ebenso, gerade in den ersten 60-70 Minuten, relativ gelassen ein. Große „Hipster-Kamikaze-Aktionen“ werden, denke ich, ausbleiben. Das liegt nicht im Naturell von Benítez. Man darf auch nicht vergessen, dass wir ja bekannterweise in Spanien auch vom direkten Duell abhängig sind. Früh aufzumachen und auf einen Treffer zu drücken, kann auch mal schnell die Situation durch ein Kontergegentor verschlimmern. Am Ende des Spieles wird man aber auch mit Jesé oder Isco noch zwei sehr gute Optionen haben, auch wenn Letzterer unter Benítez noch seine Form sucht.

Wie funktioniert in dieser Saison das Pressing von Real Madrid? Hat Benítez hieran schon gearbeitet?
Das ist bislang noch ein wunder Punkt bei uns. Jedes Jahr wünscht man sich ein wenig mehr, dass dieser Aspekt der offensiven Verteidigung bei uns in großem Stil implementiert wird. Es ist aber nicht so einfach, wie es scheint, sonst hätten wir das schon länger im Repertoire. Gegen Barça in den Clásicos gab es dann meist aber einen Anflug von Pressinglust und Laufbereitschaft, die es sonst nur phasenweise bei uns zu sehen gibt. Gegen PSG haben wir in der ersten Halbzeit die Franzosen ziemlich hinten rein gedrückt. Ob dem Team aber die Luft oder die taktische Anweisung fehlt, es ansatzweise 90 Minuten zu versuchen, ist für mich leider noch unbeantwortet. Natürlich ist auch die Spielerwahl hier entscheidend. Ohne Bale, Benzema und James war nicht immer eine zahlreiche Offensive auf dem Feld. Die Spieler Kroos, Modrić und Casemiro haben hier aber schon bewiesen, dass sie für ein offensives Pressing den fußballerischen Intellekt mitbringen. Gerade bei Kroos fehlt es dann aber irgendwann auch an der Physis – zumindest wirkt es so.

Bist du überzeugt von Benítez?
Grundsätzlich ja. Ich bin wohl einer der eher wenigen, die bei seiner Ankunft nicht sofort in paralysierte Panik verfallen sind. Ich war auf meine Art ein Fan jedes Trainers, der in den letzten Jahren bei uns die Bank bekleiden durfte. Sie alle hatten einmalige Fähigkeiten, die ich schätzen konnte. So ist es auch bei Benítez. Er hat ja keine einfache Aufgabe, an den so beliebten Carlo Ancelotti (bei Medien, Fans und Spielern) anzuknüpfen. Er hat viele Änderungen vorgenommen, wie wir auf Madridismo.de auch öfters taktisch thematisierten, und damit ist das Gefühl des Neustarts unter ihm sehr groß. Viele Madridista hätten sich bestimmt gewünscht, man hätte an Carlos’ Plan angeknüpft. Benítez ist ein sehr strategischer und trockener Trainer. Er muss sehr viele Interessen im Kader, bei den Fans und aus dem Vorstand managen und besonders als neuer Mann ist das nicht einfach und braucht Zeit – jenes Gut, das man in Madrid wohl als einziges wirklich überhaupt nicht leichtfertig zu vergeben hat – leider.

Die Rolle einzelner Spieler bei Real Madrid

Du hast zuletzt die Offensivpower von Marcelo hervorgehoben. Fehlen dir im Gefüge von Madrid solche Typen wie er?
Du hast recherchiert (hehe). Ich bin grundsätzlich natürlich ein Fan von technisch hochversierten Spielern. Immerhin ist Fußball auch viel Ästhetik und am Ende auch ein wunderschöner Sport. Marcelo verkörpert Spielfreude pur. Wie so oft im Leben kann man aber nicht immer alles haben. So oft ich über ihn und seine Aktionen stolz und erfreut bin, so sehr ist er auch eine Gefahr oder möglicher Schwachpunkt in der Defensive. Speziell in unserem aktuellen Kader ist Marcelo endgültig unverzichtbar. Bei einem derart hohen Fokus auf die Flügel wie bei uns spürt man den Verlust von Marcelo in der Offensive stark. Auch als Identifikationsfigur ist der Brasilianer natürlich seit Jahren eine Konstante, auch wenn es noch sehr frisch und gewöhnungsbedürftig für einen langjährigen Madridista ist, dass er nun Vizekapitän ist. Ich erinnere mich, dass er von Raúl und Casillas mal eine Standpauke für sein Verhalten gegenüber einem Gegenspieler von Getafe, Cata Diaz, bekam, weil sich so ein Madridista nicht verhalten konnte. Aber so ist Fußball: Beide sind weg und nun ist er Vizekapitän.

Welche Rolle wird Cristiano Ronaldo im Spiel gegen Barça spielen? Wird er aus seiner Schockstarre erwachen? Oder hat er in letzter Zeit nur eine neue Rolle eingenommen? Wenn ja, welche?
Ich hoffe natürlich, dass er ein gutes Spiel machen wird. Wie so oft im Spiel des Portugiesen, hängt das aber stark von seinen Mitspielern und der Einbindung im Spiel ab – nicht zuletzt auch an dem Platz, den Barça ihm lassen (geben) wird. Es gibt für mich zwei mögliche Szenarien: Entweder Benítez wechselt mit der Rückkehr von Bale, James und vielleicht Karim Benzema auf sein 4-2-3-1, dann wird Ronaldo wieder eine Art Linksaußen sein, der sich stark ins Zentrum orientiert. Oder aber wir bleiben eher bei den Thesen der letzten Wochen, bei denen Ronaldo klarer Stürmer war und auch viel im 16er agierte. Viel wird von Benzema abhängen, ob er als Referenz im Sturm starten wird oder nicht. Insgesamt transformiert sich Ronaldo seit Jahren von einem klassischen Winger zu einem inversen Flügelstürmer hin zum absoluten Strafraumkiller. Das hat Vor-, aber auch Nachteile in seinem Spiel, die es dann eben auch zu nutzen bzw. zu verhindern gilt. Ich bin sehr gespannt, ob er vielleicht gerade gegen Barça in allen Facetten des Spiels 120 % geben wird und dadurch einen auffälligen Clásico haben kann.

Wer ist der essenziellste Spieler im Madrider Mittelfeld und warum?
Schwere Frage. Der essenziellste? Luka Modrić ist seit Ancelotti wohl der Spieler, auf den ich am wenigsten verzichten möchte. Seine Abstinenz im letzten Jahr hat uns auch das Rückgrat gebrochen. Unter Ancelotti war Toni Kroos noch ein unglaublich wichtiger Spieler vor der Abwehr. Im 4-2-3-1 von Benítez ist er aber eher auf einer Höhe mit Modrić und daher nicht so prägnant wie noch unter Carlo. Im 4-1-4-1 oder 4-3-3 sitzt meistens Casemiro als Fels vor der Brandung vor der Abwehr und hat die Nase in dieser Rolle vorn. Der Brasilianer ist ohnehin eine der besten „Neuverpflichtungen“ des Sommers, da er eine wichtige und lange vermisste Note im Mittelfeld darstellt, die nun wieder vorhanden ist. Am Ende des Tages kommst du halt an James Rodríguez aber nicht vorbei. Der Kolumbianer ist jedoch in der Regel eher Rechtsaußen, es hängt also davon ab, ob wir ihn hier nun gemeinsam als Mittelfeldspieler oder Stürmer deklarieren. Er wird – sollte er direkt spielen – für Barça aber sicher ein unangenehmer Gegenspieler sein.

Nächstes Thema: Sergio Ramos. Es kursiert das Gerücht, dass er nach El Clásico eine OP hat. Was sagst du dazu, dass er gegen Barça unbedingt spielen möchte? Wird er angeschlagen trotzdem eine Verstärkung für die Mannschaft sein?
Ich bin selten ein Fan davon, einen Spieler „fit zuspritzen“, um einen Einsatz zu erzwingen. Erstens handelt man sich dabei ein Risiko im Spiel ein, dass der Spieler vielleicht runter muss und man einen Wechsel verschwendet. Zweitens werden – auch wenn Herr Suárez das in der Ruhe eines Interviews anders beteuert – die Gegenspieler immer auch ein Auge auf solche Situationen haben. Spürt man im Nacken den Atem von Ramos, weiß man halt gerade in Luftduellen auch über seine Schulter Bescheid – vielleicht sogar nur unterbewusst. Ich würde es nicht riskieren, auch im Hinblick auf die weiteren Spiele. Leider neigt man bei uns manchmal dazu, den Einsatz bestimmter Spieler zu erzwingen. Sollte Ramos spielen, hoffe ich, dass die Schulter hält und er ein gutes Spiel macht, damit das gar kein Thema wird.

Madrid trifft auf Barça – wie blickt man auf den Gegner?

Welche Spielart ist schwieriger zu unterbinden für Real: Das damalige Tikitaka-Kurzpassspiel unter Pep Guardiola oder das direktere schnellere Spiel unter Luis Enrique?
Ich brauche beides nicht unbedingt jedes Wochenende zu Gast im Bernabéu (haha). Es ist nicht so leicht zu beantworten. Ich hatte auch oft richtig Langeweile bei Barça-Spielen unter Pep. Natürlich konnte ich mich für viele Kniffe von ihm bei Barcelona begeistern, dass muss man neidlos anerkennen im Sport. Wenn ich zum Beispiel an den klassischen „Cut-Inside-Run“ von Alves als Außenverteidiger denke oder die akribische Dreiecksbildung mit Busquets, kann ich dem schon viel abgewinnen. Pep hat Barça eine spezielle Identität verliehen, die aber auch relativ alternativlos war. Darin lag auch oft der Schlüssel gegen sein Barcelona, den wir schmerzhaft mit Niederlagen erlernen mussten. Am Ende hat sich das Kräfteverhältnis eingependelt und Lucho weicht die Dogmen etwas auf, ohne sie komplett zu verlieren. Ich denke, die Flexibilität von Lucho ist für uns gefährlicher, da er auch nicht davor zurückschreckt, für den Erfolg ein paar Kompromisse einzugehen. Das macht das Team unberechenbarer. In der Spitze ist der Plan A von Lucho aber in meinen Augen nicht mit der Akribie von Peps Plan A zu vergleichen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Lucho viele Jahre in den 90ern bei uns gekickt hat und daher ein wenig mehr das direkte Spiel bevorzugt (haha).

Wer wird die größte Gefahr Barças für die Madrilenen sein? Wieso?
Naja, wer 16 Scorerpunkte in den letzten 7 Spielen erzielt, wird klarerweise auch bei den Madridistas etwas genauer unter die Lupe genommen. Neymar ist gerade in aller Munde. Von 18 Toren, die Barça geschossen hat bei 16 direkt den Fuß drin zu haben – nicht schlecht! Wen sonst sollte man nennen? Er ist es von Brasilien sowohl beim Ex-Klub als auch bei der Nationalmannschaft gewohnt, das Epizentrum der Angriffe zu sein, und mit Messis Ausscheiden wurde er auch bei Barça nun der Fokus aller Bemühungen. 95 Ballkontakte, wenn ich das richtig gesehen habe, gegen Villarreal als Offensivspieler ist ein Fabelwert. Ich glaube, es wird sehr wichtig sein, gerade wegen seines gestärkten Selbstbewusstseins, ihn gar nicht erst komfortabel an den Ball kommen zu lassen. Unsere Verteidiger brauchen sich hier aber nicht zu verstecken. Wie so oft wird El Clásico im Mittelfeld entschieden. Wer hier die Oberhand hat, hat meist auch die besten Chancen zu gewinnen.

Barça würde bei einem Sieg 6 Punkte vorn liegen – wie würde sich solch ein Schlag auf die Motivation und Spielart der Madridspieler auswirken, im Hinblick auf die weitere Saison?
Wenn es eine Auswirkung haben würde, würde sehr viel verkehrt laufen bei den Madrilenen. Natürlich tut es weh einen Clásico zu verlieren, das haben unsere beiden Fanlager ja oft schon zu spüren bekommen. Mit dem direkten Duell in Spanien wird das Spiel nur wichtiger. Am Ende des Tages ist es aber auch nur eines von 38 Spielen. Die Liga ist ein Marathon und es wird noch eine sehr heiße Phase im Frühling geben, wo man in der Doppelbelastung meist die Liga verspielt. Da wird es wichtig sein, ob unser Kader breit genug ist, das zu kompensieren. Auch Barça wird noch patzen. In der spanischen Liga gilt daher – mehr als in anderen Ligen – immer der Blick auf das nächste Spiel. In einer 100 Punkte Liga kann man sich Rechnereien und den Luxus sich auf einer Führung auszuruhen ohnehin nicht leisten. Ich hoffe aber natürlich, dass wir am Sonntag von der Tabellenspitze lachen und nicht an derartige Szenarien denken müssen. 😉

Hast du in dieser Saison Barça ein wenig verfolgt? Es wäre interessant zu lesen, wo du Barça derzeit siehst.
Es ist besonders bemerkbar, dass man momentan in der Lage ist, die Meinung der Messi-Abhängigkeit zu zerschlagen. Ähnlich wie bei den Blancos mit Ronaldo tut es denke ich jedem Anhänger gut zu sehen, dass man auch ohne den vermeintlichen Megastar erfolgreich kicken kann. Ich glaube, dass man sich mit Neymar und Suárez eine funktionierende südamerikanische Offensive zugelegt hat, die den Platz an der Sonne vertreten kann. Ich meine wir sprechen hier vom Triple-Sieger der letzten Saison. Am Papier seid ihr also in einer guten Situation und natürlich weiterhin ein Top-4 Klub der Welt. Es wird sowohl Barcelona als auch Real Madrid helfen den Clásico zu spielen, um besser abzuschätzen, wo man steht. Der Unterschied ist halt, dass Barcelona eigentlich im zweiten Jahr mit demselben Trainer ist und auf sein Konzept aufbaut, während Real Madrid mit dem Trainerwechsel bei null angefangen hat. Wie groß ein möglicher sportlicher Vorsprung eines der beiden Teams ist, werden wir alle am Samstag sehen.

Und zu guter Letzt: Wie geht das Spiel aus?
Wir gewinnen knapp und sehr taktisch geprägt mit 2:1. Alles andere als auf Sieg zu tippen im Clásico würde ich nicht übers Herz bringen, auch wenn der Respekt vor der wichtigen Partie wie immer groß ist. 

Vielen Dank Patrick für dein fachliches Know-How. Barçawelt.de spricht dir einen riesigen Dank für deine ausführlichen Antworten aus. Ich bin mir sicher, wir Culés sind nun um einiges besser vorbereitet, wenn es darum geht, sich ein Bild von Real Madrid und den taktischen Spielerein zu verschaffen! Möge der Bessere sich am Wochenende den Sieg schnappen!

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