Real Madrid – FC Barcelona 10.12.2011

StartLa LigaReal Madrid - FC Barcelona 10.12.2011
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Als spät in der Nacht die letzten Lichter ausgingen, hielt eine idyllische Stille Einzug im Santiago Bernabeu. Nur der Regen plätscherte auf den Rasen vor sich hin und spülte alle Spuren hinweg, die auf das kürzlich stattgefundene Ereignis schließen könnten.

Die Spannungen und die Emotionen, die Leidenschaft und die Enttäuschung, die in der Luft lagen, wurden auf diese Weise der Erde zugeführt, die nun ihre reinigende Wirkung entfalten kann. Es blieb nur die Stille, jene Stille, welche mit ihrem wohltuenden und besänftigenden Einfluss Wunden schließt, die ihren Ursprung in der menschlichen Seelenwelt haben. Eine tiefe Rivalität schafft tiefe Kontraste. Gewinner und Verlierer, Zufriedenheit und Enttäuschung, Freude und Traurigkeit. Wird die Kluft zu groß, so entsteht gar Hass, eine Empfindung, die dem Sportsgeist zuwiderläuft und für immer verbannt gehört. Sport beschreibt ein Kräftemessen innerhalb eines zeitlichen Rahmens, deren Ende mit einem Handschlag besiegelt wird. Dieses Schlussritual ist der wichtigste Aspekt sportlichen Verhaltens schlechthin. Mit ihm wird eine Trennlinie zwischen Spaß und Ernst gezogen. Bleibt es aus, so wird aus Spaß ernst. Der Sport rückt dann zunehmend in den Hintergrund und wird lediglich dazu instrumentalisiert, innere verwerfliche Motive zu befriedigen. Die vergangenen Begegnungen zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona haben eine besorgniserregende Entwicklung zum Ausdruck gebracht. Das Spiel als solches war nur noch eine Begleiterscheinung des Clasico und musste zunehmend anderen, sportfremden Erscheinungen weichen. Die erfreulichste Nachricht des jüngsten Clasico ist, dass dieser Trend nun – vorläufig – durchbrochen ist. Die Spieler reichten sich wieder die Hand und ließen ihren primitiven, irrationalen Gefühlen keinen Raum. Die Spieler beider Vereine dürfen sich als Sieger fühlen. Sie haben über sich selbst obsiegt, der vielleicht wichtigste Sieg ihrer Karriere. Das Bernabeu war gestern ein ruhiger, bedächtiger Schauplatz eines der polarisierendsten Spiele der Welt. Die Stille, die nach dem Spiel eingekehrt ist, war nicht trügerisch. Sie war ein Abbild der Atmosphäre, die keineswegs vergiftet war, auch wenn der sich der Unparteiische genötigt sah, gelbe Karten auszuteilen. Bösartige Vorfälle gab es nicht. Es war ein Clasico, das seinem Namen alle Ehre machte. Ehre, wem Ehre gebührt.

FC Barcelona hält dem Druck stand


Das Spiel begann mit einem Paukenschlag. Bereits nach wenigen Sekunden fand sich der Ball im Rücken von Victor Valdez wieder, als Benzema unmittelbar vor dem Tor frei zum Schuss kam und einnetzte. Diesem Tor war ein schwerwiegender Fauxpas von Valdez vorausgegangen, der völlig unbedrängt den Ball vor die Füße von Di Maria spielte. Was dann folgte, war die Verkettung sehr unglücklicher Umstände, die letztlich in einem Blitztor für die Gastgeber resultierten. Die Anfangsphase der ausschließlich sportlichen Auseinandersetzung war geprägt von dem erwartet starken Pressing von Real Madrid, das allerdings zumeist fruchtlos blieb. C. Ronaldo tauchte einmal gefährlich vor dem Tor auf, verfehlte dieses jedoch bei seinem Schuss kläglich. Benzemas unplatzierter Kopfball aus 14 Metern nach einer Flanke von Di Maria wurde von Valdez mühelos pariert. Mehr gibt es im Hinblick auf Madrids Tormöglichkeiten nicht zu berichten. Es blieben ihre einzigen Möglichkeiten in der 1. Halbzeit. Dies war überwiegend dem Spiel der Katalanen geschuldet, die das Spiel zunehmend in den Griff bekamen und es neutralisierten. Wenngleich das katalanische Spiel in der Anfangsphase zu wünschen übrig ließ, hatte Messi wenige Minuten nach dem Gegentreffer die Chance zum Ausgleich, als er Ramos den Ball abluchste, auf dem Weg zum Tor einen Gegenspieler stehen ließ und aus halbrechter Position an einer Weltklasse-Parade von Casillas scheiterte. Während Valdez den Madrilenen einen Treffer herschenkte, verwehrte Casillas auf der Gegenseite das Glücksmoment für Messi auf beeindruckende Weise. In der 30. Minute stand dann die zweite Torchance für den FC Barcelona zu Buche, und diesmal fand Casillas keine Mittel, um das Leid seiner Mannschaft zu verhindern. Messi überläuft drei Madrilenen und spielt Sanchez frei, der mit einem satten Schuss ins linke Eck vollendet. Damit war das Halbzeitergebnis hergestellt. Die individuellen Fähigkeiten von Messi und Sanchez haben dem FC Barcelona wohl das Spiel gerettet. Auch wenn sich das Spiel der Katalanen einmal nicht durch eine außerordentliche Brillanz kennzeichnet, verfügen sie über eine Vielzahl von Spielern, die das Spiel mit einem Geniestreich entscheiden können. In der zweiten Halbzeit übernahm der FC Barcelona sofort das Kommando und ließ zunächst Mann und Ball laufen. Wenige Minuten nach Wiederanpfiff setzte Xavi zu einem Volleyschuss an, der von Marcelo abgefälscht wurde und unhaltbar in die linke Torecke sprang. Das war ein sehr glückliches Tor für die Katalanen. Aber es war das Glück des Tüchtigen, weil sich die Spieler tief in der gegnerischen Hälfte festsetzten und die Initiative übernahmen. Das Glück hätte allerdings nur kurz gewährt, wenn C. Ronaldo im Gegenzug aus freistehender Position nicht am Tor vorbeigeköpft hätte. Die Abwehr von FC Barcelona spielte in dieser Situation auf Abseits, aber ein Verteidiger hat nicht mitgespielt. So ergab sich diese gute Gelegenheit für den Madrilenen aus einer Torentfernung von 11 Metern. Mit einem schnellen Konter besiegelten die Gäste dann allerdings das Schicksal der Königlichen. Alves Flanke von rechts auf den langen Pfosten wurde von Fabregas dankend in Empfang genommen, der mit einem Kopfball gegen die Laufrichtung von Casillas Real Madrid den Gnadenstoß gab. Im weiteren Verlauf des Spiels hatte der FC Barcelona alles in Griff. Zahlreiche Konterchancen wurden allerdings ungenutzt gelassen, weil der letzte Wille und die nötige Konzentration fehlten, um die vorgetragenen Angriffe in etwas Zählbares zu verwandeln. Dies ist allerdings nur ein kalter Tropfen auf den heißen Stein.

Die vielleicht beste Defensive der Welt

Kommen wir zu den Schlüsselmomenten im Spiel, die den Ausschlag zugunsten des FC Barcelona gaben. An erster Stelle ist in diesem Zusammenhang auf die Leistung in der Defensive einzugehen. Die Abwehr hatte mit Ausnahme von drei Situationen stets alles im Griff. Die gegnerischen Angreifer verzweifelten an den katalanischen Defensivkünsten und wurden fast immer abgefangen, bevor es gefährlich wurde. Das war ein gemessen an dem Offensivpotenzial des Gegners sehr guter Auftritt der Defensivfraktion. Der größte Hüter des eigenen Tores war dabei der Kapitän Puyol. Man erstarrt nur in Ungläubigkeit, wenn einem mitgeteilt wird, dass er nicht mehr 25 Jahre alt ist. Ein Clasico mit dem Kapitän der Katalanen nimmt stets einen anderen, einen besseren Verlauf. Er ist eine Säule des Erfolgs, der gestrige Abend ist der Beleg, der eigentlich nicht mehr erbracht werden muss. Auch die übrigen Abwehrspieler überzeugten mit guten Tacklings und einer klasse Antizipation. Beachtlich war insbesondere die Art und Weise, wie sie den Gegner vom Ball getrennt haben. Selten hat der Schiedsrichter das Vorgehen der Spieler als regelwidrig erachtet. Der FC Barcelona besitzt die vielleicht beste Defensivreihe der Welt.

FC Barcelona: Mittelfeld macht ernst

Dass sie darüber hinaus über das beste Mittelfeld und den besten Sturm verfügen, ist hinlänglich bekannt. Aber gestern taten beide Mannschaftsteile in der ersten Halbzeit schwer. Die Räume waren eng, die Fehlpassquote darum hoch und schnell vorgetragene Spielzüge eine Rarität. Hinzu kam, dass sich die offensiven Spieler in aufreibende Zweikämpfe verwickeln ließen und dadurch die Qualität ihres Zusammenspiels in Mitleidenschaft gezogen wurde. Iniesta und Messi haben sich in der ersten Halbzeit einige Male festgerannt, obgleich ein Abspiel aussichtsreicher erschien. Xavi behielt zwar die Fäden in der Hand, konnte aber keine Akzente nach vorne setzen, da er mit Busquets zusammen den ersten „Real-Block“ vor der eigenen Abwehr umspielen musste. Damit war er ausgelastet. So enttäuschend sich Iniesta in der ersten Halbzeit präsentierte, war er in der zweiten Halbzeit sehr darum bemüht, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Und die Mühen, die er entbehrt hat, haben sich gelohnt. Iniesta führte den Gegner nach Belieben vor und avancierte zum mit Abstand besten Spieler in der zweiten Hälfte. Kein Spieler von Real Madrid konnte ihm auch nur ansatzweise das Wasser reichen. Iniesta spielte den Torrero und hat gezeigt, wer der Herr im Haus ist. Das war absolute Sonderklasse und traumhafter Fußball von ihm – Fußball wie aus einem Guss. Ist Iniesta tatsächlich nur der Viertbeste Fußballer der Welt? Mitnichten! Der Junge ist in den großen Spieler immer der Größte. Auch die übrigen Offensivakteure konnten sich im Vergleich zur ersten Halbzeit deutlich steigern und mehr Chancen kreieren. Zu diesen Offensivakteuren zählte verblüffenderweise auch Dani Alves. Beängstigend, über was für eine Ausdauer dieser Spieler verfügt. Er war Außenstürmer und Außenverteidiger zugleich. Wenn die Mannschaft nach vorne spielte, sah man ihn auch vorne wirbeln. Eine klasse Vorstellung von ihm. Xavi war in der zweiten Halbzeit 10 Meter weiter vorne anzutreffen und nahm an der Spielgestaltung in der Offensive mehr teil. Dies war ihm möglich, da Real Madrid in der zweiten Halbzeit das Mittelfeld an den FC Barcelona überlassen musste. Das physisch betonte Spiel der Madrilenen hat Kraft gekostet und sie waren die gesamte zweite Halbzeit nicht in der Lage, das druckvolle Pressing aus Halbzeit 1 zu wiederholen. Sie besaßen kein Mittelfeld mehr, sondern nur noch eine Abwehr- und eine Sturmfraktion. Es ist den katalanischen Mittelfeldspielern hoch anzurechnen, dass im Verlauf des Spiels immer mehr die Mittelfelddominanz übernommen haben. Die Madrilenen haben das Mittelfeld mangels Kraft und Perspektive aufgegeben und sich wieder auf ein Spiel mit langen Bällen in die Spitze eingestellt. Ein typisches, vorhersehbares Verhalten. Bereits die vergangenen Partien haben belegt, dass Real Madrid dem FC Barcelona in der zweiten Halbzeit nicht Paroli bieten kann, weil sie ihr „Pulver“ bereits in der ersten Halbzeit verschossen haben. Ihre wilden, hecktischen Angriffsbemühungen kosten viel Kraft. Das technisch betonte Spiel wird sich darum über die gesamte Spieldauer immer durchsetzen.  Visca el Barça!

 

Raphael L.

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