Barças Transferdürre: Ein Satz mit X…

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Die Wechselperiode des FC Barcelona war eine, die sich an Hektik, Unsicherheit und Missmut kaum überbieten lies. Zwar konnte sich der Traditionsklub punktuell verstärken, eine Teambalance auf Weltniveau und eine akzeptable Transferpolitik blieben jedoch fernab jeglicher Umsetzung. Bereits mit den abgelehnten Avancen in Richtung Marco Verratti geriet das Image des einst so ehrwürdigen Vereins im Sommer ins Wanken. Heuer tobt das Internet, nach einer ganzen Serie an Fauxpas. Derweil versuchen die Klubverantwortlichen die Lage zu entschärfen. Die Wahrheit liegt bekanntermaßen in der Mitte und dennoch bleibt ein Beigeschmack. Dieser ist deutlich mehr als nur fad.

Samstagmorgen. Der Transfertimer hat längst aufgehört zu ticken. Die inneren Uhren wummern aber fleißig weiter auf und ab. Monate der Gerüchteküche, Medienkriege und Unsummen liegen zurück. In den Köpfen vieler Barça-Fans rattern die Gedanken über die Zukunft ihres Lieblingsvereins dennoch unentwegt weiter. Während unter der Woche noch die letzten Transfers im europäischen Fußballkosmos über die Bühne gingen, geht der FC Barcelona trotz der vier Neuverpflichtungen, Deulofeu, Semedo, Paulinho und zuletzt Dembélé, gefühlt leer aus.

Barça verzettelt sich

Ob man sich in Barcelona bis zum Transferschluss etwas vorgemacht hat, spielt heute kaum mehr eine Rolle. Vielleicht hat man wirklich an die Ankunft von Ángel Di María und Riyad Mahrez geglaubt, die Hand in Hand vergnügt aus dem Flieger hüpfen und durch die Hallen von Barcelonas Airport schreiten – vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht war es auch gut so, dass Barças Torschlusspanik nach dem Verlust von Neymar nicht aufging. Mit Neymar haben Messi und seine Spielgefährten jedenfalls eine ihrer Säulen verloren. Nach einem quälendem Hin und Her soll nun Ousmane Dembélé den Flügelflitzer ersetzen. Was dem Franzosen möglicherweise an Spielmacher-Qualitäten abhandenkommt, wird durch seine pfeilschnellen Antritte und Scorermentalität wettgemacht. Dass der 20-Jährige aber jemals seinem Verkaufswert von über 105 Millionen Euro gerecht werden kann, steht sicher nicht in den Dortmunder Vertragspapieren geschrieben. 

Im Gegensatz zu den illustren Namen des Sturmtrios setzt Chetrainer Ernesto Valverde in der laufenden Saison überraschenderweise hinten auf Thomas Vermaelen. Dieser soll nach seiner Phase in Italien als vierter Innenverteidiger hinter Piqué, Umtiti und Mascherano fungieren und dürfte hinsichtlich der Konkurrenz selbst etwas verdutzt über die Entscheidung seines neuen-alten Arbeitgebers sein. Der Belgier schaffte es im Rahmen seiner Leihe gerade einmal auf 12 Einsätze bei der ‚Roma‘. Während Vermaelen kaum jemand auf dem Zettel gehabt haben dürfte, galt das brasilianische Abwehrtalent Marlon Santos als prädestinierter Hoffnung im Defensivverbund. Marlon wurde nach seinen überzeugenden Auftritten in Barcelonas B-Mannschaft von Fluminense gekauft und mit einem Profivertrag ausgestattet, nun aber nach Nizza verliehen. Zumindesten auf der Außenverteidigerposition dürfte Neuzugang Nélson Semedo für mehr Entlastung und ein versiertes Flügelspiel sorgen, als es noch unter Luis Enrique mit Sergi Roberto der Fall war. Letzterer hatte sich trotz diverser Wechselgerüchte vermehrt zu seinem Heimatverein bekannt, darf nun aber mit der Verpflichtung von Paulinho um eine Stammplatzgarantie bangen. Der 29-Jährige Brasilianer wurde für 40 Millionen aus China transferiert und reiht sich nahtlos in ein Mittelfeld der Unbeständigkeit ein. Zunächst noch mit den Machtspielchen der Neymar-Familie in Verbindung gebracht, wurde Paulinho sicher nicht als Transferziel Nummer Eins deklariert. Denn Barça streckte sogar recht frühzeitig die Fühler gen Paris und Marco Veratti aus, unterschätzte dann aber die wirtschaftliche Power der Franzosen und Katharer. Nachdem dann auch bei den letzten Optimisten durchsickerte, dass der kleine Italiener wahrscheinlich in zehn Spielperioden noch nicht das blauroten Leibchen überstreifen würde, verrannte sich Barça Hals über Kopf in die nächsten heiklen Affären mit Liverpools Philippe Coutinho und Nizzas Jean Michaël Seri. Was dann folgte, ist bekannt: es flossen Schweiß und Tränen, nur eben kein Geld. Letztlich blieben beide Spieler bei ihren Vereinen.

Unklar bleibt auch, wie Allrounder Rafinha Alcântara und Denis Suárez die so wichtige Spielpraxis erhalten sollen. Mit dem Rückkauf von Gerard Deulofeu gewinnt das Offensivspiel zwar an Breite, verhindert aber, dass sich Einzelne individuell weiterentwickeln können. Auch Arda Turan, dessen Berater seinen Schützling unbedingt beim Verein halten will, wird das Niveau nur bedingt anheben können, den jungen Spielern aber wertvolle Minuten stehlen – und seien diese noch so selten. Mit der Ausnahme von Sergio Busquets und Sergi Roberto besteht Barcelonas Mitte aus unfertigen und alternden Spielern. Wie wenig Vertrauen hingegen in die eigenen Kräfte gesteckt wird, zeigt auch die Leihe von Sergi Samper an die Ligakonkurrenz. Die heutigen Absolventen aus La Masia und selbst die eingekauften Youngstars dienen fast ausschließlich als Dekoration, bekommen hin und wieder Einsatzzeiten, aber werden nicht zu ernsthafte Alternativen ausgebildet oder gar mit taktischen Vorgaben auf das Feld geschickt – so wirkt es jedenfalls, wenn man sich als Zuschauer das Positionsspiel von Munir El Haddadi oder André Gomes anschaut, die wie verlorene Schachfiguren auf dem großen Rasenplatz des Camp Nous einfrieren.

Real Madrid rüstet nach

Gewiss reiben sich die Verantwortlichen in Madrid, mit Blick auf Barças Misswirtschaft, genüsslich die Hände. Da wo Florentino Pérez vor wenigen Spielzeiten noch mit Geldscheinen frei hantierte, herrschen jetzt auf einmal umgekehrte Vorzeichen. Madrid bildet aus, während Barça am Einkaufen scheitert. Zu Beginn der Transferphase hagelte es für Zinédine Zidane noch Kritik, der Franzose würde nicht königlich genug einkaufen. Theo Hernández und Dani Ceballos, an welchen auch der FC Barcelona interessiert war, galten als sinnvolle Ergänzungen, ohne dass sie die ganz große Euphorie bei Fußballexperten hervorriefen. Beide reihen sich jedoch schon jetzt in eine dynamisch-aufstrebende, selbstbewusste Jugend ein, die derzeit von keinem Geringeren als Marco Asensio angeführt wird. Asensio, für den Barcelona im Jahr 2015 nicht bereit war, knappe 3,5 Millionen Euro zu investieren, wurde kürzlich noch von Andrés Iniesta in einer Pressekonferenz in den höchsten Tönen gelobt. Er ist vielleicht das jüngste Sinnbild für die sportliche sowie vereinspolitische Kluft, die zwischen den beiden Klubs klafft. Wie stark besetzt die Madrilenen derzeit tatsächlich sind, verdeutlichen nicht nur die zwei Traumtore von Isco im gestrigen Länderspiel zwischen Spanien und Italien. Auch, dass Zidane die beiden Abgänge von Álvaro Morata (Verkauf an Chelsea) und James Rodríguez (Leihe zu Bayern) leicht und lässig kompensiert hat, ist beachtlich. Dass Spieler wie Mateo Kovačić  und eben dieser Asensio plötzlich über sich hinauswachsen zeigt, dass ‚Los Blancos‘ in Sachen Jugendförderung den ‚Blaugranas‘ gleich drei Nasenlängen voraus sind. 

Glaubt man ‚Goal‘ so bestünde Barças Elf  der diesjährigen Fast-Verpflichtungen aus Ederson Moraes, Theo Hernández, Davinson Sánchez, Iñigo Martínez, Héctor Bellerín, Marco Verratti, Dani Ceballos, Riyad Mahrez, Coutinho, Ángel Di María und Paulo Dybala. Ganz so viele neue Akteure hätte es für die erste Spielzeit unter der Hand von Ernesto Valverde wahrscheinlich nicht einmal gebraucht, aber die Vielzahl an potentiellen Einkäufen verweist zu mindestens auf den Irrsinn des Marktes, der die Katalanen in diesem Jahr in ein Trauma sacken lies.

Hand aufs Herz: das war wohl nix

So in etwa lautet der einstimmige Tenor der Fachpresse. Deren Wahrheitsgehalt hätte sich sicher auch Sportdirektor Roberto Fernández am Samstag in seiner Konferenz beugen können. Doch es sei laut Robert hingegen die Schuld des Marktes, dass Barcelona in den letzten Tagen vor Deadline Day leer ausgegangen sei. Man wäre nicht dazu bereit gewesen 200 Millionen für Coutinho hinzulegen. Klar, Paris hat 222 Millionen Euro für den vielleicht Zweitbesten Fußballspieler der Welt ausgegeben und damit für ein heftiges aber erwartbares Ungleichgewicht in der gesamten europäischen Shopping mall gesorgt. Dementsprechend saßen die Vereine von Europas heißesten Offensivkräften in den Verhandlungen mit Barça zu jeder Zeit am längeren Hebel. Frei nach dem Motto: wer viel Geld besitzt soll es dann eben auch prächtig ausgeben müssen. Plötzlich stiegen die Marktwerte von Coutinho, Dembélé, Dybala und Co. um ein Vielfaches. Trotz alledem mündete der Transferwahn in ein verschlafenes Verhalten seitens Barcelona, welches in den letzten Wochen mit Zielstrebigkeit etwa so viel gemein hatte wie Javier Mascherano mit dem Toreschießen. Barça reagierte zur Mitte des Jahres nur, aber vergaß dabei zu agieren. Selbst der Transfer von Dembélé zog sich über etliche Debatten hin, nur um zum Schluss die Vertragsdetails zu den – von Beginn an geforderten – Geldsummen zu unterzeichnen. Ein durchdachteres Zeitmanagement, hätte sicher noch genügend Spielraum vorgesehen, um sich über eine Alternative für Iniesta und Ivan Rakitić Gedanken zu machen. Und bei einer höher verhandelten Ausstiegsklausel mit Neymar, würde der Brasilianer zu mindestens für diese Saison noch in Barcelona seine Schuhe schnüren.

Das alles und noch viel mehr bereitet den Culés nicht nur Migräne, sondern Kopfzerbrechen darüber, wie es mit dem Traditionsverein aus Katalonien weitergehen soll. Glaubt man den Medienberichten, so hat Liverpool den Vorwurf, sie hätten 200 Millionen für ihren Talisman verlangt, bereits wieder dementiert – eine hoffentlich allerletzte Nachwehe, die dem Schlamassel aber unweigerlich die Krone aufsetzt.

Bleibt jetzt ein Schrecken ohne Ende?

Der Aufschrei der Fans wäre um ein vielfaches kleiner geblieben, hätte man in Barcelona als erklärtes Ziel nicht den Einkauf großer Namen, sondern die konsequente Besinnung auf die Nachwuchsarbeit gelegt. Selbiges war nicht der Fall, sodass sich der elitäre Kreis um Josep Maria Bartomeu, mit der Ankündigung, es werden große Namen zum vierfachen Champions League-Sieger kommen, letztlich selbst diskreditierte. Daher fußt die Empörung der Anhängerschaft über das Transferchaos, eigentlich auf dem Unvermögen des Vereins, seine Identität klar zu formulieren. Ausbildungsverein oder Transfermonster – ja, was denn nun? In der Vergangenheit gelang der Spagat zwischen der Entwicklung hauseigener Absolventen und dem Einsatz internationalen Stars wie keinem anderen Weltverein. Heute schwimmt Barça nach der Jahrtausendwende erstmals im Limbus des Mittelmaßes. Eine Situation, an der auch die Verpflichtungen Ernesto Valverdes und Ousmane Demebélés faktisch nichts ausrichten können.

Nächste Saison steht la Masia dann aber angeblich wieder in den Startlöchern, wenn laut Robert Fernández die Abgegebenen Munir El Haddadi und Sergi Samper zurück in die Heimat gelotst werden sollen. Ob und in welcher Funktion Robert und seine Kollegen zu jenem Zeitpunkt dann selbst noch schalten und walten dürfen, wird sich zeigen. Mindestens bis zum Ausgang eines gewissen Misstrauensvotums und Messis Vertragsverhandlungen, wird das Rattern in den Köpfen der Barcelona-Fans wohl nicht verstummen.

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