Lionel Messi: Oh Wunder, Barças Medizinmann verlängert

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Der FC Barcelona und Lionel Messi haben sich nach Monaten der scheinbaren Ungewissheit auf eine Vertragsverlängerung geeinigt. „Scheinbar ungewiss“, weil Messi selbst in Sachen Transfertalks nicht der Gesprächigste ist, weil das Board rund um Josep Maria Bartomeu und Robert Fernandez bei den Fans ohnehin schon unter starker Kritik steht und weil die Boulevardpresse gern das macht, was sie am besten kann – den Fans gepfefferte Gerüchte servieren. Warum Barcelona jetzt, wider des Gemunkels, einen Teufel getan hat, um in Besitz seines Talismans zu bleiben, ist nicht nur auf Messis Ballkunst zurückzuführen.

Gerüchte um Abgang pulverisiert

Ende letzten Jahres wurden Gerüchte laut, Messi könnte erneut mit seinem alten Lehrmeister Josep Guardiola zusammenkommen. In Manchester City wohlbemerkt, einem Verein dessen Inventar nur so vor Banknoten überquillt. Messi nach England abzugeben hätte Barça damals aus wirtschaftlicher Sicht gut getan, so waren die ‚Citizens‘ angeblich dazu bereit 200 Millionen Pfund für die Dienste des fünffachen Weltfußballers gen Süden zu transferieren. Zusätzlich hätte ‚La Pulga‘ ein Gehalt von 25 Millionen Euro in der Premier League gewunken. Doch aus Guardiolas Avancen entwickelte sich bis heute keine auferflammte Liebschaft. Es blieb bei einem entfernter Ruf aus dem regnerischen Norden Englands, dessen Irrsinn und Sehnsucht sich der Katalane wahrscheinlich selbst bewusst war. So hieß der Pressetenor am Ende wie so oft „Messi bleibt im sonnigen Wohlfühlparadies Barcelona.“ Nach einer etwas verkorksten Saison mit den Blauroten, Urlaub und Hochzeit kamen die Gespräche zwischen dem Offensivmann und den Katalanen jetzt wieder ins Rollen.

Die Vertragspapiere werden den kleinen Argentinier bis zum 30. Juni 2021 an seinen Arbeitgeber in Katalonien binden. Wie Barça auf seiner Homepage verkündet, wird der Vertrag unterschrieben, sobald Messi zum Training der Vorsaison zurückkehren wird. Das Jahressalär beruft sich auf etwa 20 Millionen Euro. Ökonomisch gesehen, kann das für das Unternehmen Barcelona gar nicht gesund sein, zumal mit Luis Suárez und Neymar noch zwei weitere Bestverdiener mit Geldscheinen gefüttert werden wollen. Messis Austiegsklausel soll fortan wohl bei 300 Millionen Euro liegen. Die üblichen Interessenten aus England und Frankreich können also jetzt schon mal damit beginnen ihr Erspartes zusammenzukratzen.
Zur bevorstehenden Verlängerung äußerten sich die Katalanen euphorisch und erleichtert zugleich: „Der Klub ist sehr glücklich mit der Verlängerung und dem Engagement Messis, dem besten Spieler der Historie, der seine komplette Profi-Karriere über bei Barça gespielt und das Team zu einer Ära von außergewöhnlichem Erfolge geleitet hat, welche nie zuvor im Weltfußball erreicht wurde. […] Aber Messi wird hier noch nicht stoppen. Er befindet sich in einem der besten Momente seiner Karriere und hat [Barça] noch einiges zu geben.

Von Lobliedern und Fakten

Was wurden schon für Hymnen auf Lionel Messi angestimmt. „Gott“, „Alien“, „Messias“ – die Liste lässt sich noch mit weiteren futuristischen und biblischen Titeln fortführen. Allen voran der britische Kommentator Ray Hudson, fand mit seinen exzentrischen Kommentaren regelmäßig die passendsten Worte für Messi:  
„Again, the medicine man arrives and sinks his flaming spear into the hearts of Real Madrid.“ Recht hat Hudson nach dem 3:2-Sieg im Bernabéu im Frühjahr 2017 schon, denn in der Tat ist es am Ende immer wieder Barças Nummer 10, die der Mannschaft, wenn es brenzlig wird, den Allerwertesten rettet. Messi reißt die Mannschaft mit seinen Aktionen mit. Dribbelt, passt, flankt und erzielt Tore wie kein zweiter – dieser „Medizinmann“. Messis Heilkünste schlagen sich dann auch in den Statistiken nieder. So stehen 507 Tore in 583 Pflichtspielen zu Buche. Acht Mal gewann Messi die Liga, fünf Mal den Pokal, sieben Mal den Spanischen Super Cup, drei Mal den europäischen Super Cup, drei Mal die Klub-WM und vier Mal Europas höchste Spielklasse – die Champions League. Messi ist fünffacher Gewinner des Ballon d’Or, während er von der Pichichi Trophäe und dem Goldenen Schuh jeweils vier Exemplare ergatterte.

Dem Hype hält Messi mit einer konsequent überragenden Leistung stand. Es ist eine Konstanz, die weltweit seinesgleichen sucht. Für Barcelona bedeutet Messis Bilderbuchkarriere aber auch das Sinnbild der eigenen Philosophie im Bereich der Jugendarbeit.

Messi: der prädestinierte Posterboy aus La Masia

Andrés Iniesta, Xavi Hernández, Carles Puyol und eben dieser Lionel Messi: In Barcelona teilte man lange Zeit das Verständnis, dass die hauseigene Talentschmiede überteuerte Transfers aus dem Ausland kompensieren könne. Mit Blick nach Mailand und Madrid hob man sich deutlich durch die Förderung junger Akteure ab. In der spanischen Hauptstadt kauften die Funktionäre was das Zeug hielt, während die Erben der cruyffschen Ära auf die kleinen, wendigen und trickreichen Spieler aus eigener Hand vertrauten. Dass die Traumfabrik ohne Investitionen aber keine mehr war, stellte man dann irgendwann bitter fest, nachdem der Verfechter der Jugendakademie Pep Guardiola 2012 das Handtuch warf und sich auf Selbstfindungspause zum Big Apple und nach Südamerika begab. Spieler wie Thiago Alcántara zog es zur ausländischen Konkurrenz und auch andere Eigenwächse wie Martín Montoya, Marc Bartra, Bojan Krkić, Adama Traoré, Isaac Cuenca, Cristian Tello, um nur eine handvoll Spieler zu nennen, sollten früher oder später aus dem Dunstkreis der Etablierten Busquets, Iniesta, Piqué, Alba und der Zugewanderten Luis Suárez, Neymar Jr. und Ivan Rakitić verschwinden.
Lionel Messi steht im Vergleich mit besagten Abgängen also für das, was heute eigentlich gar keinen Bestand mehr hat: Nämlich dass sich ein Ausländer in Windeseile im pubertären Alter durch sämtliche Jugendteams Barcelonas bis in die Stammbesetzung des ersten Kaders kicken kann.

Messi kam im Jahr 2000 als 13-Jähriger von seinem Jugendverein Newell‘s Old Boys nach Barcelona. Mit 16 gab er sein Debüt im Ersten Team bei einem Freundschaftsspiel gegen den FC Porto. Mit 17 folgte dann eine richtige Premiere gegen den Stadtrivalen Espanyol. Bei seinem ersten Tor gegen Albacete wurde er im Camp Nou von Ronaldinho assistiert und von den Zuschauern frenetisch bejubelt. Der Rest ist bekanntlich Geschichte: In 13 Saisons hat Messi mit Barcelona auf kollektiver und individueller Ebene alles, was es zu gewinnen gibt, gleich mehrfach gewonnen.

So spektakulär sich der Werdegang anhört, so schwer lässt er sich wiederholen. Sergi Roberto ist aktuell der einzige La-Masia-Absolvent, der künftig eine ernsthafte Chance auf die Startelf haben dürfte. Die Zukunft von Denis Suárez und Thiago-Bruder Rafinha bleibt offen und wird in den Medien von Namen wie Verratti, Coutinho und Bellerin überschattet. Letzterer könnte zumindestens ähnlich wie jetzt Gerard Deulofeu oder damals Cesc Fàbregas, Gerard Piqué, Jordi Alba oder Aleix Vidal zu seinem alten Klub zurückfinden. Die klassische Laufbahn der Messis und Xavis kommt diese Variante dennoch nicht gleich.

Jeder Abgang der La-Masia-Kinder gleicht einem Messerstich in das Herz Barcelonas – Stichwort Thiago. Zunächst noch als neue Sensation auf großformatigen Leinwänden an der Außenfassade des Camp Nous zwischen Messi und den anderen Spielern platziert, folgte er wenige Spielzeiten später seinem Mentor Guardiola nach München. Mit Neymar stand dann bereits der nächste Posterjunge in den Reihen der Katalanen. Er sei der prädestinierte Nachfolger Messis. Was sportlich fraglich ist, lässt sich auch aus vermarktungstechnischen Aspekten anzweifeln. Denn Neymar kommt zwar aus den Favelas Brasiliens, kam aber bereits als angekündigter Star nach Barcelona. Dazu brachte der Brasilianer mit seinen Skills zwar Licht, durch seine Transfersaga aber auch viel Schatten über die europäische Fußballmetropole.
Mit Blick in Richtung Real Madrid macht sich Messis Standing bei Publikum und Mannschaftskollegen noch deutlicher. Für Madrid wäre es aktuell ein Leichtes Cristiano Ronaldo durch einen Asensio oder den Kauf von Dybala oder Mbappé zu verschmerzen. Was nicht bedeutet, dass Ronaldo niemand vermissen wird, aber an seine Stelle wird in ein paar Jahren ein anderer, vielleicht nicht ganz so guter und charismatischer Stürmer treten und einen ähnlichen Starkult entfachen. Sollte Ronaldo gehen, würde Madrid nicht direkt sein Gesicht verlieren. Im spanischen Kapital herrscht ein anderes Verständnis von Identität und Machtstellung, weshalb die ‚Los Blancos‘ schon immer Weltstars verpflichtet haben während die Katalanen möglichst Bedacht ihre eigene Spielkultur entwickeln wollten. Im Gegensatz zu Madrids Helden und Glamourwelt wird sich Barcelona immer nach einer Identifikationsfigur á la Messi sehnen. Damit gehen eine fast schon auratische Emotionalität – man möge nur einmal im Leben gemeinsam mit knapp 100.000 Anhängern Messis Namen im Camp Nou brüllen – und eine gewisse Abhängigkeit einher, wenn der Gaucho eben mal nicht seine außerirdischen Fähigkeiten, wie im Champions League Achtelfinal-Hinspiel 2016/17 in Paris abruft.

Bei Messi war es ein Reifungsprozess, der ihn vom schmächtigen Jungen zum martialisch aussehenden Legionär mit Vollbart und Tattoos wachsen ließ. Das alles passierte quasi im Schatten seiner unvorstellbaren Leistungsentwicklung auf dem Platz. Es wird sich zeigen inwieweit Barcelonas neuer Cheftrainer Ernesto Valverde in der kommenden Saison wieder auf die Spieler der eigenen Ausbildungsstätte setzen wird. Die Vertragsverlängerung von Sergi Palencia und Carles Aleña geben aber Grund zur Hoffnung, dass Messi in seinen verbleibenden Jahren jene Spieler zu Höchstleistungen motivieren kann.

Eine Verlängerung Messis ist die beste Nachricht für Barças Vorstand, vielleicht nicht aus finanzieller, dafür aber aus imagetechnischer Perspektive. Wer hätte schon gedacht, dass ‚der Floh‘ seinem Verein in dessen dunkelsten Stunden als wertvolles Marketinginstrument aus der Patsche helfen könnte? Überraschend ist Messis Verbleib beim FCB gewiss nicht. Gemeinsam mit Busquets und dem alternden Iniesta ist Messi – das Milleniumswunderkind – der letzte seiner Art in einem Klub, auf den der Druck mit jedem Wechselgerücht um Barcelonas Medizinmann steigt.

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