Filmkritik zu „Barça – Der Traum vom perfekten Spiel“: Eine Symbiose aus Dokumentation und Entertainment

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Mit „Barça – Der Traum vom perfekten Spiel“ hat Regisseur und Produzent Jordi Llompart die Entwicklungsgeschichte des vielleicht dominantesten Fußball-Giganten der vergangenen Rasensport-Dekade filmisch aufgearbeitet. Dabei nähert er sich mit der nötigen Sensibilität der Barça-Kultur und Klubhistorie. Mit einer spürhaften Leichtigkeit lüftet der spanisch-amerikanische Filmschaffende den Mythos um eine phänomenale Spielweise, wie es sonst nur ein Live-Besuch des Camp Nous zu schaffen vermag. Grund genug also für alle Culés, einen Blick hinein in das jüngste Werk Llomparts zu werfen, um sich über das akute Auf und Ab des kreativen Spiels der Katalanen hinwegzutrösten. Denn „der Traum“ hat sich weder in Vergangenheit, Gegenwart, noch in der Zukunft ausgeträumt. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Geduld, Nerv und Loyalität eines FC Barcelona-Fans auf eine kleine Probe gestellt werden, ist es umso bedeutungsvoller, sich auf den Leitspruch der katalanischen Fußball-Instanz zu besinnen: „Més que un club“.

Das Vereinsmotto: Eine Einladung für das Dokumentarische

Das Barça de facto mehr als nur eine Gemeinschaftsvereinbarung auf dem Papier verkörpert, davon zeugen die einzigartige Jugendarbeit, die sensationelle Stadionatmosphäre und die weltweite, fest eingeschworene Anhängerschaft der Blauroten. Nachdem die Mannschaft von Trainer Luis Enrique seit drei Liga-Spieltagen ihre produktive Dürreperiode hinter sich gelassen hat, dürfen die Fans des variablen Kombinationsspieles wieder durchatmen. Doch nicht nur in der jetzigen und der zurückliegenden Saison ging es auf Europas Fußballfeldern furios her, sobald die Akteure aus der zweitgrößten Stadt Spaniens mit von der Partie waren. Auch in den Jahren zuvor stand immer dann, wenn die Messi-  Iniesta- und Xavi-Trikots die Umkleidekabinen verließen, ein Spielstil auf der Speisekarte, der für die Gegner nur selten gut zu verdauen war. Da jene drei Vereinsgrößen maßgeblich an den wettbewerbsübergreifenden Erfolgen in der Champions League, der Copa del Rey, la Liga etc. beteiligt waren, kommen sie in Llomparts Doku in abwechselnden Interviewsituationen zu Wort.

Das Fußballverständnis der Hafenstädter ist geprägt von zwei Gegensätzen: Bei den Kantersiegen der Rekordjäger schwärmen die Getreuen himmelhochjauchzend über die Rambla, Barcelonas strahlende Promenade im Herzen der Innenstadt. Schieben die elf Ballkünstler allerdings eine ruhige Kugel oder verschulden sogar eine Niederlage, dann versinkt die mediterrane Stadt in einem tiefen Trauertal des Mitgefühls. „Wenn man nicht gewinnt, dann ist das wie das Ende der Welt“, meint Iniesta im Film. Trotz aller Hochs und Tiefs lässt die katalanische Identität dabei nie ihre Federn. Das dieser Leitgedanke des gemeinsamen Aufstiegs und Falls, dessen Kern über die reine sportliche Leistung hinausschießt, einen optimalen Nährboden für eine Dokumentation hergibt, liegt auf der Hand. Der FC Barcelona wird vermutlich auch in den nächsten 100 Jahren davon absehen, seine Philosophie in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Die Tragweite dieser Redundanz der selbstgewählten Symbolik inszeniert Llompart dramaturgisch schlüssig und mit brachialer Bildgewalt. Vereins-Strategien und Taktiken bauen Jahr für Jahr aufeinander auf und werden von neuen Protagonisten auf und neben dem Platz ergänzt. Diesem Grundsatz tut es auch der Film gleich, mit seinen nahtlosen Kapiteln und wiederkehrenden Stimmen.

Extras peppen geschichtliches Know How auf

Doch den Weg vor das Kameraokular haben nicht nur die drei illustren La-Masia-Absolventen gefunden. Auch Innenverteidiger Gerard Pique, Vereinslegende Johan Cruyff, Journalist Graham Hunter, Basketballspieler Paul Gasol und Ex-Profi Éric Abidal geben sich unter anderem in über zwei Stunden Laufzeit die Ehre. Die Gesprächspartner manifestieren aus unterschiedlichen Perspektiven so etwas wie ein Plädoyer für die Politik, den Stil und die Familie des Klubs. Der Kampf und das Nutzen der guten und schlechten Gelegenheiten im Leben sowie das Festhalten an Werten wie Intelligenz, Wagnis, Respekt und Triumph wird von den Interviewgästen immer wieder im Rahmen des Ethos erwähnt. So hat es fast schon etwas Erfrischendes an sich, dem mittlerweile 36 Jahre alten Franzosen mit martiniquinischen Wurzeln zu lauschen, wie er sich für das soziale Engagement des Klubs bedankt, welcher ihn in einer schweren Lebensphase unterstützt hatte. Abidal, der sich 2012 aufgrund einer ernsthaften Krebserkrankung einer Lebertransplantation unterziehen musste, konnte durch die Organspende seines Cousins erfolgreich operiert werden. Berichten zufolge hatte ihm zuvor Außenverteidiger Dani Alves angeboten, persönlich für eine Transplantation zur Verfügung zu stehen.

Doch wie im Film dargestellt, ist die Geschichte von Brüderlichkeit und Zusammenhalt zunächst die Geschichte eines Vereinswappens und auch die Geschichte eines Schweizers. Somit wird auf das emotionale Portrait von Vereinsgründer und Urvater Hans Gamper nicht verzichtet. Was folgt ist ein Abriss der zwanziger Jahre, einem goldenen Zeitalter eines jungen Barças. Damals konnte der größte Klub aus den vier katalanischen Provinzen fast alle Pokale gewinnen, ehe sich der Ruhm sogar in den US-Amerikanischen Gefilden ausbreitete.

Auch die Verhöhnung der spanischen Nationalhymne, der spanische Bürgerkrieg und der Selbstmord Johan Gampers werden im Film thematisiert, ja sogar in ein keineswegs kitschiges, aber dennoch melancholisches audiovisuelles Kostüm eigebettet. Jordi Llompart scheut sich nicht, sowohl die schönen Bilder der Euphorie als auch die tragische Kehrseite der Vereinshistorie zu rekonstruieren. Denn Barça war nicht immer das Nonplusultra der Fußballwelt und in den 40er Jahren drohte sogar der Abstieg in die zweite Liga. Angekommen auf dem Olymp des Erfolgs sind Fall und Aufschlag oft umso schmerzhafter. Und so kam es, dass auch der FC Barcelona von der Depression ereilt wurde. Die katalanische Demokratie, Identität und Republik waren der Franko-Diktatur ein Dorn im Auge. Eine gewaltsame Unterdrückung war die Folge, welche auch den Mord von dem damaligen Klub-Präsidenten Barcelonas mit sich zog. Durch das faschistische Regime drohten Barças Ideale verloren zu gehen, ehe es in den 70er Jahren mit der Geburtsstunde seiner Talentschmiede La Masia wieder sonnigeren Tagen entgegenblicken konnte.

Seitdem blieb die Marschroute klar: Barça versus Real Madrid und den Rest des Landes. Aufgrund der politischen Aufladung handelt es sich hier also wohl eher um ein Duell zwischen Katalonien und Spanien. Wie im Film aufgeführt, gilt in erster Linie für die autonome Gemeinschaft aus dem Nordosten der Iberischen Halbinsel, dass ausländische Verpflichtungen wie Ronaldinho, Messi oder Cruyff in der Regel das Team verstärken konnten. Diese Spieler stachen aus der Menge heraus und hoben die Qualität des Spiels auf ein neues Niveau. Für den Erzfeind war das Legitimation genug, um Barças Shopping-Ausflügen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Demgemäß sind Real Madrids Abwerben von Stürmerstar Alfredo di Stefano und die ständige Veränderung der Transfervorschriften auch Gründe für die tiefe Rivalität.

Zuzüglich der Nebenbuhlerschaft werden auch die Veränderung des Positionsspiels, der Feldeinteilung und der Arbeit gegen den Ball unter Trainern wie Frank Rijkaard, Louis van Gaal und Pep Guardiola dargelegt.

Es machte wieder Spaß, zuzuschauen, es war Angriffsfußball, nicht immer nur das Lauern auf Konter, was einfacher zu spielen ist, aber auch viel langweiliger.

Gary Lineker

Beim Scrollen durch das Hauptmenü des Films lassen sich unter dem Reiter “Extras“ zusätzliche Interviews vorfinden. Etwa von Cruyff, der über politische Probleme bei der Namensgebung seines Sohnes, das Verhältnis von Technik und Kraft im Fußball und Guardiolas körperliche Konstitution referiert. Oder Gary Lineker, der über die Eigengewächse und den Einfluss von Barça auf den Erfolg der spanischen Nationalmannschaft informiert. Oder Carles Rexach, welcher noch heute mit einem lachenden und weinenden Auge über die bewussten Fehlentscheidungen der Referees zu Gunsten Madrids rätselt. Oder Xavi Hernández, der seine lobenden Worte für die 2010er Nominierung für den Ballon d’or von seiner Wenigkeit, Messi und Iniesta Revue passieren lässt: „Jungs, das ist fantastisch. Wir drei sind alle von La Masia, aber wir sind ein Katalane, ein Spanier und ein Argentinier. Einfach drei Beispiele, worum es in La Masia geht, wie sie einen aufnimmt, wie sie einen lehrt. Das ist Exzellenz aus erster Hand.“

Filmisch unkonventionell, kurzweilig und erhellend

Bereits die Eingangsszene, in der der das Atmen der Spieler und das Treten gegen das runde Leder laut zu vernehmen sind, verrät es: Diese Dokumentation ist vollgepackt mit einem leuchtenden Ästhetizismus, der sonst nur US-amerikanischen Hochglanzproduktionen aus der Musikindustrie vorbehalten ist. Der bunte Genremix wird mal im lässigen Swing vertont, mal im kompakten Bigband Sound, mal mit cineastischen Klängen, mal mit Elektro-Pop. Die filmische Lösung ist stark angelehnt an den Fußballstil – prägnant, variabel und mit einer Liebe fürs Detail. Neben Drohnenflügen, die eine Panorama-Sicht über die Hauptstadt Kataloniens gewähren, gibt es auch immer wieder schwarz-weißes Archivmaterial aus vergangenen Zeiten und effektvoll animierte Hintergründe und Überblendungen.

Dokumentationen sind so eine Sache für sich. Gerade Sport-Reportagen können daran leiden, dass sie ein stark heroisches Bild ihrer Protagonisten zeichnen oder dem Zuschauer vor Augen führen, dass die Personen des Blitzlichtgewitters eigentlich nicht mehr als Pantoffelhelden sind. Daher laufen Reportagen manchmal Gefahr, schnell ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit abzulichten. Jordi Llompart schafft es, die Wage zwischen Nüchternheit und Traumfabrik zu halten. Klar, die politischen Zusammenhänge hätten noch feinkörniger erklärt werden können und die Sonnenuntergänge wären mit etwas weniger Pathos nicht nur für Fans, sondern auch für Fußballinteressierte annehmbar gewesen. Dennoch sind zwei Stunden Doku eine lange Zeit. Doch bei Llompart vergeht die Spieldauer schneller als 90 Minuten, ohne dabei zu sehr in Nostalgie zu verfallen. Interessant ist auch, dass die Regentschaft von Trainer Luis Enrique und die Verpflichtungen von Neymar, Luis Suárez, Ivan Rakitić, Marc-André ter Stegen und Claudio Bravo am Ende nur kurz und knapp angesprochen werden. Und das ist gut so, denn über das was zurzeit passiert, wird bereits ausreichend in den Medien berichtet. Es wirkt fast so, als würde der Film den Zuschauer daran erinnern, wieso es sich lohnt, ein Fan des FC Barcelonas zu sein, um zum Schluss ruhigen Gewisses das Zepter an Enrique und die Gegenwart abzugeben.

Die filmischen Elemente greifen wie Zahnräder ineinander ein. Von Ambivalenz fehlt jegliche Spur. Mal wird das Stadion aus einer Vogelperspektive angeflogen, mal kleben die Ultra-Slowmotion-Bilder an den Fersen der Spieler. Llompart integriert sein Publikum in eine aufregende Symphonie aus Originalaufnahmen, Reenactments und Animationen, ja – setzt den Zuschauer gewissermaßen förmlich auf den höchsten Stadionplatz, ehe er ihn 100 Meter weiter unten zu Messis Mitspieler werden lässt. So machen Dokumentarfilme Spaß und so gibt es neben der sorgfältigen und ehrlichen Aufbereitung der Geschichte auch Entertainment en masse, welches dem geneigten Culé das Adrenalin durch die Adern schießen lässt. Und genau das macht Llomparts Arbeit so unbeschwert und gleichzeitig elektrisierend. Der Traum vom perfekten Spiel ist so etwas wie eine Antwort auf die Frage „Warum Barça?“, die sich im selben Atemzug den einen oder anderen Seitenhieb in Richtung Madrid nicht verkneifen kann. Ganz klare Kauf- und Schauempfehlung.

Der Film ist ab sofort als Blu-ray und DVD unter anderem bei Amazon oder im Elektronikfachmarkt Mediamarkt erhältlich.

Trailer zum Film:

Filmographische Angaben:

Titel: BARCA – UND DER TRAUM VOM PERFEKTEN SPIEL        
Land/Jahr: Spanien 2016
Label: Ascot Elite Entertainment Group
FSK & Laufzeit: ab 0, ca. 122 Min.
Verkaufsstart: 22. April

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