Barcelona unter Ernesto Valverde: Neue Saison, alte Probleme?

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Der Auftakt in die neue Saison ging mit einer Niederlage gründlich daneben. Hinzu kommen Verletzungen der Stars Lionel Messi, Luis Suarez und Ousmane Dembélé – die Aussichten für die Fans der Blaugrana könnten besser sein. Zudem offenbarte Barças Spielweise gegen Athletic Bilbao Defizite, die bereits in der vergangenen Saison erkenntlich wurden. Eine Analyse.

Die neue LaLiga-Saison hat begonnen und der FC Barcelona findet sich nach Spieltag Nummer eins am unteren Ende der Tabelle wieder – ein Umstand, den man sowohl als Fan als auch als neutraler Beobachter nicht überbewerten sollte. Dennoch offenbarte die Mannschaft im Spiel gegen Athletic Bilbao einige Probleme, die sich auch durch einige Spiele der vergangenen beiden Jahre zogen. 

Abhängigkeit von der individuellen Klasse

Wie gerne erinnert sich jeder Barça-Fan an den von Pep Guardiola trainierte FC Barcelona zurück. Sowohl gegen den Ball als auch im Angriffsspiel hatte man zu jeder Zeit das Gefühl, dass jeder Spieler auf dem Platz genau weiß, was er zu tun hat. Nahezu jeder Akteur war bereit, Verantwortung zu übernehmen und das Spiel an sich zu reißen. Die Kreativität in der Offensive war auf vielen Schultern verteilt. 

Wenige Jahre später schieben sich die Katalanen in der Regel den Ball hin und her, bis letztlich Lionel Messi an den Ball kommt. Die Verantwortung für das Herausspielen von Torchancen liegt nahezu ausschließlich beim kleinen Argentinier (Stichwort Messidependencia). An dieser Stelle soll jedoch auch erwähnt sein, dass vermutlich jede Mannschaft von einem Spieler wie Messi abhängig wäre.

Jedoch sind die Probleme im Offensivspiel des FC Barcelona nicht nur an der Abhängigkeit Messis festzumachen. Allgemein verlässt sich das Team extrem stark auf die individuelle Klasse. Was zu fehlen scheint, ist ein klarer Plan, eine klare Struktur im Offensivspiel. Einstudierte Spielzüge (ausgenommen der Spielzug „Messi auf Alba und zurück“) wie beispielsweise die zur Mitte aufrückenden Außenverteidiger bei Manchester City sucht man in Barcelona derzeit vergebens. 

Auch im Spiel gegen Athletic Bilbao wurde dies wieder deutlich: Als Zuschauer hatte man oftmals das Gefühl, dass die Spieler weder mit Ball noch ohne Ball wussten, was sie machen sollen. Frenkie De Jong drehte sich oftmals nach vorne auf und suchte (vergebens) nach Anspielstationen in der Tiefe. Sergi Roberto war gefühlt auf dem ganzen Patz, nur eben nicht da, wo der Ball als nächstes hinkommen könnte und bis zu Rafinhas Einwechslung standen die defensiven (Alba und Semedo) und die offensiven Außenbahnspieler (Dembèlé und Griezmann) meist im Deckungsschatten, was für den Gegner einfach zu verteidigen war. Mit der Einwechslung Rafinhas und dessen Laufwegen in das Zentrum wurde dies zumindest etwas besser und Semedo hatte auf dem Flügel deutlich mehr Räume. 

Fehlende Tiefe im Offensivspiel 

Wieder der Vergleich mit Peps Barça: Auch zu dieser Zeit schoben sich die Katalanen im letzten Drittel den Ball oft minutenlang zu, ohne den letzten Pass in die Tiefe zu spielen. Der Unterschied: Durch ständige Laufwege in die Tiefe (Henry, Pedro, Alves oder auch David Villa) hatte man ständig das Gefühl, dass der tödliche Pass jeden Moment kommen könnte. Durch diese Laufwege in die Tiefe wird der kompakt stehende Gegner auseinandergerissen und dazu gezwungen, jede Sekunde aufmerksam zu verteidigen. Machte der Gegner dies eine Sekunde nicht, wurde dies sofort mit einem tödlichen Pass bestraft.

Unter Ernesto Valverde schieben sich die Katalanen oftmals auch minutenlang den Ball zu, die Laufwege in die Tiefe werden, wenn überhaupt, erst dann gemacht, wenn Lionel Messi den Ball hat. Dabei sind gerade die Regelmäßigkeit und die Häufigkeit dieser Laufwege entscheidend. Bei jedem Laufweg muss sich der Gegner neu sortieren und neu positionieren. 

Dass Barça die Spieler für diese Laufwege hat, steht wohl außer Frage: Dembélé hat dies bereits in Dortmund und mit Abstrichen auch schon in Barcelona bewiesen, Jordi Alba und Nelson Semedo ist dies alleine aufgrund der Schnelligkeit und technischen Fähigkeiten ebenfalls zuzutrauen. Antoine Griezmann dagegen weniger: Ähnlich wie sein „Vorgänger“ Phillipe Coutinho hält er sich am liebsten im Zehnerraum auf und stößt von dort mit der „zweiten Angriffswelle“ in die Spitze. 

Trägheit und fehlende Gier

Neben diesen taktischen Aspekten des Offensivspiels wirkte die Mannschaft in der vergangenen Saison oftmals träge, teilweise auch abwartend, passiv. Dies zeigte sich auch Spiel in Bilbao. Sehr deutlich ist dieser Umstand meist beim (Gegen)Pressing und im Umschaltspiel erkennbar. Der unbedingte Wille und die Bereitschaft, einen Ball zu erobern oder mit aller Macht auf ein Tor zu stürmen, sind nicht immer erkennbar. Dadurch werden nicht nur weniger Zweikämpfe gewonnen. Aufgrund der hochstehenden Barça-Viererkette ergeben sich so extrem große Räume für schnelle Gegenangriffe des Gegners. 

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Frenkie de Jong blickt sich ratlos um, Gerard Piqué hadert. Der FC Barcelona kassierte in Bilbao direkt die erste Niederlage. Juan Manuel Serrano Arce/Getty Images

Über die Gründe dieser Trägheit der Spieler kann nur spekuliert werden: Fakt ist, dass ehemalige Trainer der Blaugrana wie Pep Guardiola oder auch Luis Enrique (insbesondere im Triple-Jahr 2015) sehr aktiv an der Seitenlinie coachten und Tore bejubelten. Ernesto Valverde hingegen verweilt oftmals kniend an der Seitenlinie, ohne wirklich aktiv zu coachen. Charakterlich ist Valverde schlicht ein anderer Typ. Es heißt oftmals, eine Mannschaft sei ein Spiegelbild des Trainers, und so verwundern die teilweise lethargischen Auftritte des Teams eher nicht. 

Was dennoch Hoffnung macht

Auch hier soll Guardiola nicht unerwähnt bleiben: Der heutige City-Coach verlor sein erstes Ligaspiel als Trainer der Katalanen im Jahr 2008 mit 0:1, was danach kam, ist bekannt. Und auch die letzte Triple Saison (2014/2015) startete alles andere als gut. Die Findungsphase der Mannschaft unter dem damaligen Neu-Coach Luis Enrique dauerte quasi die gesamte Hinrunde – Ausgang: Auch hier bekannt. 

Neben den guten Omen gibt es aber auch taktische und spielerische Elemente, die den Fans Hoffnung machen: Nach dem Abgang von Andres Iniesta fehlte es in der vergangenen Saison im Mittelfeld an einem Kreativposten, der den erwähnten tödlichen Pass spielen kann. Mit Neuzugang de Jong konnte einer der besten Passspieler Europas für das zentrale Mittelfeld verpflichtet werden – und ein Mittelfeld bestehend aus Busquets, Arthur und de Jong verspricht jede Menge Kreativität und Spielfreude. Gepaart mit dem torgefährlichen und abschlussstarken Rakitic und Kämpfer Arturo Vidal hat Valverde qualitativ hochwertiges Personal zur Verfügung, welches er dem Gegner angepasst einsetzen kann. Auch den beiden Talenten Puig und Aleñá ist bei entsprechender Spielzeit der Durchbruch zuzutrauen. 

Tiefe auf der Bank

Ebenfalls Hoffnung macht der Blick auf die Viererkette. Mit Junior Firpo hat man einen Backup zur Jordi Alba verpflichtet, der es versteht, Laufwege in die Tiefe zu machen und der mit seinem Profil perfekt zu Barça passen könnte. Valverde kann Alba so Verschnaufpausen gönnen, ohne dass die komplette Tiefe im Spiel verloren geht. Auch die Rückkehr Samuel Umtitis könnte das Niveau der Mannschaft enorm erhöhen – obwohl Lenglet seinen Job meist sehr solide erledigt. Durch seine Athletik und Körpersprache bringt Umtiti alles Notwendige mit, um wieder einer der Anführer dieser Mannschaft zu werden. Neben der Spieleröffnung glänzt Umtiti auch durch sein aggressives nach vorne verteidigen – in diesem Punkt gibt es nur wenige Verteidiger, die annähernd das Niveau Umtitis haben. 

Weiterhin sind viele entwicklungsfähige Spieler wie Dembélé, Semedo, Arthur und de Jong in der Mannschaft, denen durchaus der nächste Schritt in den kommenden zwölf Monaten zuzutrauen ist. Sollte es Valverde gelingen, diese Spieler zu verbessern und der Mannschaft wieder Enthusiasmus einzuimpfen, steht der FC Barcelona vor einer erfolgreichen Saison. Gelingt es dem Trainer dann noch, das Spiel der Mannschaft variabler und strukturierter zu gestalten, wird es eine sehr erfolgreiche Saison. Und wenn Messi dann noch eine ähnlich starke Saison wie die letzte spielt – dann ist alles möglich. 

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