Carles Aleñá und das Warten auf den Durchbruch

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Carles Aleñá gilt schon lange als eines der größten Talente des FC Barcelona. Doch trotz durchaus ansprechender Leistungen vertraut Trainer Ernesto Valverde momentan nicht auf den Youngster, was auch mit der großen Konkurrenz im Mittelfeld sowie dem Spielerprofil Aleñá zusammenhängt. Wir haben die Situation des 21-Jährigen genauer unter die Lupe genommen.

Etwas mehr als zehn Monate ist es her, als Carles Aleñá am 4. Dezember 2018 offiziell ein Spieler der ersten Mannschaft des FC Barcelona wurde. Viele Fans der Blaugrana setz(t)en große Hoffnungen in Aleñá, schließlich gilt er als eines der größten Mittelfeld-Talente aus den eigenen Reihen seit der Xavi-Iniesta-Ära.

Zunächst machte es den Anschein, als wären diese Hoffnungen auch berechtigt: In der Rückrunde der vergangenen La-Liga-Saison stand Aleñá nur ein Mal nicht im Kader und musste weitere fünf Spiele tatenlos von der Bank verfolgen, wurde dafür aber in den restlichen 13 Spielen eingesetzt, wovon er immerhin sechs über mehr als 60 Minuten bestreiten durfte. Ein klares Zeichen von Trainer Ernesto Valverde, der dem jungen Katalanen das Vertrauen schenkte, was dieser mit ansprechenden Leistungen zurückzahlte.

Nach einer ordentlichen Vorbereitung auf die laufende Saison stand dem Durchbruch nichts mehr im Wege, im ersten Liga-Spiel stand Aleñá im Mittelfeld neben Frenkie de Jong und Sergi Roberto direkt in der Startformation. Die Mannschaft zeigte insgesamt keine wirklich gute Leistung und der 21-Jährige wurde zur Halbzeit ausgewechselt, obwohl er besonders im Offensivspiel einen besseren Eindruck hinterließ, als viele seiner Kollegen (hier geht’s zur Spielerkritik gegen Bilbao).

Valverde lässt Aleñá links liegen

Seit diesem Auftritt bestritt Aleñá in den folgenden neun Spielen keine einzige Minute mehr – weder in der Liga, noch in der Champions League – und stand dabei sogar nur zwei Mal überhaupt im Kader. Doch warum vertraut Valverde dem La-Masia-Absolventen plötzlich nicht mehr und lässt ihn scheinbar vollkommen links liegen? Die Gründe dafür sind nicht ganz klar und sicherlich vielschichtig.

Wie in unserer Saisonstart-Analyse bereits deutlich gemacht wurde, herrscht im Mittelfeld Barças der größte Konkurrenzkampf. Im Kader der Blaugrana befinden sich sieben Mittelfeldspieler, die alle um nur drei Plätze im Team kämpfen.

Ein Blick auf die Einsatzstatistiken belegt: Frenkie de Jong steht an der Spitze der Einsatzzeit mit 809 Spielminuten, gefolgt von Sergi Roberto, der immerhin 729 Minuten vorweisen kann. Zwar sammelte dieser auch einige Minuten davon als Rechtsverteidiger, doch bis zu Jordi Albas Verletzung begann der Spanier jedes Liga-Spiel im Mittelfeld. Valverde plant in dieser Saison fest mit Roberto als Mittelfeldspieler, auch wenn dessen Auftritte auf dieser Position bis jetzt nicht immer vollends überzeugend waren. Es folgen Busquets (562 Min.) und Arthur (535 Min.) – der Löwenanteil der Einsatzzeit im Mittelfeld wird so unter diesen vier Spielern aufgeteilt.

Übrig bleiben folglich Ivan Rakitic und Arturo Vidal, die um Einsatzzeit kämpfen und aktuell je nach Spielsituation und Gegner als Rotationsspieler gebracht werden. Beide liegen mit circa 180 gespielten Minuten jedoch schon deutlich hinter den anderen vier Akteuren zurück. Auf der Strecke im Kampf um Einsatzzeit im dicht besiedelten Mittelfeld bleibt: Carles Aleñá.

Angesprochen auf diesen Konkurrenzkampf verkündete Valverde vor der Partie gegen den FC Valencia: „Manche Positionen sind besser besetzt als andere. Wir werden es im Laufe der Zeit auch versuchen, mit Rotation zu lösen. […] Bei unserem Konkurrenzkampf wird es für jeden schwierig, zu spielen.“

Wieso aber wird Aleñá nicht mehr als ein solcher Rotationsspieler betrachtet und erhält zumindest hier und da mal eine kurze Chance sich zu beweisen?

Hauen und Stechen in Barças Mittelfeld

Nicht nur herrscht auf Aleñás Position ein enormer Konkurrenzkampf, was die reine Anzahl an Alternativen angeht, sondern auch, wenn man mal genauer auf die Qualitäten der einzelnen Spieler schaut: Aktuell haben sich dabei Sergio Busquets, de Jong und Arthur als Stamm-Trio herauskristallisiert. Alle drei Akteure sind enorm ballsicher und pressingresistent und verfügen über einen hohen Fußball-IQ.

Sergi Roberto als erste Ergänzung ist in diesen Aspekten nicht ganz so stark wie die Erstgenannten, bringt dafür aber eine Dynamik in seinen Läufen mit, die man so bei seinen Kollegen seltener sieht. Zudem kommt ihm seine Positionsflexibilität natürlich zugute, was dem Trainer mehr taktische Möglichkeiten während des Spiels ermöglicht.

Ivan Rakitic kann eine Partie beruhigen beziehungsweise kontrollieren – böse Zungen würden das Wort „einschläfern“ verwenden – und für mehr Struktur im Spiel der Mannschaft sorgen, was in gewissen Situationen in dieser Saison schon durchaus hilfreich war. Etwas überraschend nutzt Valverde diese Qualität nun immer häufiger von der Bank, sehr zum Unmut des Kroaten.

Zu guter Letzt bleibt mit Arturo Vidal ein Spieler, dessen Qualitäten bekannt und die so in Barças Kader durchaus einzigartig sind: unbändiger Einsatz und Kampfeswille, gepaart mit gefährlichen Vorstößen in den gegnerischen Strafraum. So ist auch Vidal ein wichtiger Rollenspieler für Valverde und Barça.

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Aleñás Stärken entsprechen nicht dem Mittelfeld-Profil

Carles Aleñá hat derweil andere Vorzüge, er unterscheidet sich von seinem Mitspielern, ist in den einzelnen Aspekten und Attributen leistungstechnisch hinter seinen Kollegen. Wohl auch deswegen hat er es schwer, es überhaupt in den Kader zu schaffen: Der La-Masia-Zögling ist nicht so pressingresitent, ball- und passsicher wie Busquets, de Jong und Arthur, nicht so kampfstark und einsatzfreudig wie Vidal, nicht so abgeklärt und routiniert wie Rakitic – und zudem weniger variabel einsetzbar als alle genannten Akteure.

Denn jeder dieser Spieler kann auf der Sechs oder Acht agieren, was Valverde verschiedene Möglichkeiten gibt und den Spielern ebenso. Aleñá hingegen ist mehr offensiver denn zentraler Mittelfeldspieler, seine Stärken liegen näher am gegnerischen Sechzehner, im letzten Drittel. Doch Valverdes Mittelfeldspieler haben klare Instruktionen, sie sind eher auf Spielordnung bedacht, agieren als Regisseure, nicht als angreifende Mittelfeldakteure.

Es fehlt ihm zudem ein Alleinstellungsmerkmal, das ihn von seinen Mitstreitern abhebt und in bestimmten Momenten unverzichtbar macht. Brauchen die Blaugrana ein Tor, kommt eher der für Chaos sorgende Vidal, der eine tiefstehende Mannschaft mit seinen disruptiven Läufen durcheinander bringen kann und zudem ein Abnehmer für Flanken darstellt. Will Valverde eine Führung über die Zeit bringen oder das Spiel ordnen, bringt er Rakitic, der der Mannschaft eine größere Stabilität gibt – oder eben auch hier den kampf- und zweikampfstarken Vidal, oder den laufstarken Roberto – alles Spieler, die gegen den Ball besser als Aleñá sind.

Wenn man also davon ausgeht, dass sich Busquets, Arthur, de Jong und Roberto um die Startplätze streiten und Rakitic beziehungsweise Vidal die ersten Alternativen sind, gibt es für den jungen Katalanen nur wenig Optionen und Szenarien, in denen er auf die so wichtigen Minuten kommen könnte.

Durchbruch oder ewiges Talent?

Wie also soll es weitergehen für das Eigengewächs? Nachdem Rafinha kurz vor Transferschluss noch an Celta Vigo verliehen wurde, war bereits ein großer Konkurrent Aleñás weniger im Kader. Mit Rakitic ist ein weiterer unzufrieden mit seinen im Vergleich zur Vorsaison stark fallenden Einsatzzeiten und liebäugelt mit einem Wechsel im Januar

Fakt ist: Aleñá steckt mit seinen 21 Jahren in einer Phase, in der ein Talent wie er so viele Einsatzminuten wie möglich braucht. Falls der Kroate tatsächlich im Winter wechseln und der FC Barcelona – Gott bewahre – vielleicht noch von Verletzungen im Mittelfeld geplagt sein sollte, dürften sich in Anbetracht einer langen Saison in drei Wettbewerben die Chancen des Katalanen auf mehr Spielzeit durchaus erhöhen. Doch dafür muss er sich natürlich im Training erstmal anbieten. Auf Aleñá angesprochen erklärte Valverde vor kurzem: „Wir haben im Mittelfeld viele Spieler. Er begann am Anfang der Saison, nun spielt er nicht. Es wird für jeden Chancen geben, aber man muss sich seinen Platz erarbeiten.“ 

Sollte sich seine Situation im Laufe der Hinrunde und der Kader der Mannschaft im Winter allerdings nicht großartig verändern, müsste sich der 21-Jährige eventuell nach Alternativen umsehen, beispielsweise eine Leihe zu einem guten Mittelklasse-Verein, so, wie es Rafinha getan hat.

Talent und Qualität sind bei Aleñá sichtlich vorhanden, doch auf einen Werdegang wie Sergi Robertos, der sich geduldig zeigte und schließlich von Luis Enrique seine Chance (als Rechtsverteidiger wohlgemerkt) bekam, sollte er sich nicht verlassen. Schließlich rückt im Mittelfeld schon die nächste Generation talentierter Mittelfeldspieler nach, hier seien besonders Riqui Puigs oder Álex Collados genannt, die ebenso wie Aleñá zunünftig das Warten auf den Durchbruch antreten werden – in der Hoffnung, nicht als ewiges Talent in die blau-granatrote Geschichte einzugehen.

 

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