Ein Clásico gegen jede Regel

StartAnalysen und KommentareEin Clásico gegen jede Regel
- Anzeige -
- Anzeige -

Ein Clásico, der als Enttäuschung eingestuft werden kann, nicht nur aus Sicht der Culés. Wider Erwarten konnte der FC Barcelona das Spiel nicht kontrollieren und wurde teilweise von Real Madrid in der Defensive eingeschnürt, eigentlich zuverlässige Performer hinterließen einen mäßigen Eindruck. Dieser Clásico verlief gegen jede Regel.

Zum ersten Mal seit 17 Jahren endete ein Clásico torlos – und das, obwohl die beiden besten Offensiven der Liga gegeneinander antraten und beide Teams nicht immer für ihre sattelfeste Verteidigung bekannt sind. Auch in der Barçawelt-Redaktion war man sich einig: In diesem Spiel fallen Tore! Doch es kam alles anders, das erwartete Offensivspektakel blieb aus.

Die Gäste gaben zwar mehr Torschüsse ab und waren auf dem Papier die gefährlichere Mannschaft, allerdings hatten auch die Madrilenen kaum hochprozentige Abschlüsse zu verzeichnen. Die englische Tageszeitung The Guardian brachte es auf den Punkt: „Es hätte eigentlich anders sein sollen.“ Denn in der Regel fallen Tore satt, ist das Spiel ein Auf und Ab, ein Spektakel.

In den vorausgegangen zehn La-Liga-Partien der beiden Schwergewichte fielen ganze 35 Tore, immerhin 3,5 pro Spiel. Wer also am Mittwochabend seinen ersten Clásico verfolgt hat und ein Feuerwerk erwartete, wurde bitter enttäuscht. 

Busquets verpasst ersten Clásico

Als der Anpfiff immer näher rückte und man sich dank keinerlei Zwischenfälle vollkommen auf das Sportliche konzentrieren konnte, kam auch schon die erste Überraschung: Sergio Busquets nahm nur auf der Bank Platz. Er sei angeschlagen, hatte leichtes Fieber, gab Ernesto Valverde nach dem Spiel preis, doch er hätte spielen können, der Trainer dachte sogar über eine Einwechslung nach. Er entschied sich dagegen, wollte einen so signifikanten Wechsel nicht vollziehen, und so spielte Busquets zum ersten Mal in seiner Karriere keine einzige Minute in einem Liga-Clásico.

Das Fehlen des wohl besten Sechsers dieses Jahrzehnts machte sich auf dem Rasen spürbar bemerkt. Entgegen des erwarteten Spielverlaufs konnten sich die Katalanen nur selten wirklich spielerisch aus der Defensive kombinieren, die Blancos traten auch viel offensiver und aggressiver im Pressing auf, als das bei vielen vergangenen Partien im Camp Nou der Fall gewesen ist. Die Blaugrana ist es gewohnt, Spiele im Mittelfeld zu dominieren, den Gegner müde zu spielen und dann mit der individuellen Klasse in der Offensive den Todesstoß zu versetzen, doch dieser Auftritt ließ jegliche Kontrolle vermissen – ebenfalls untypisch.

Zuverlässige Akteure tauchen ab

Die fehlende Kontrolle über Ball und Gegner lag wohl auch zum Großteil daran, dass gewisse Spieler, die in Clásicos traditionell stark aufspielen, dieses Mal eine enttäuschende Leistung zeigten. An erster Stelle sind dabei eindeutig Ivan Rakitic und Sergi Roberto zu nennen. Der Kroate sollte Busquets auf der Sechs ersetzen und für einen geordneten Spielaufbau sorgen, was ihm nicht sonderlich gut gelang. Bezeichnend dafür eine Szene in der zweiten Halbzeit: Clément Lenglet spielt Rakitic den Ball zu und deutet mit einer Armbewegung an: „Dreh dich und spiel die Kugel weiter, da ist Platz im Mittelfeld!“

Doch Barças Nummer vier hatte andere Pläne, spielte das Leder lieber auf Sicherheit wieder direkt zurück zum Franzosen. Als Zuschauer fühlte man sich an das Rückspiel gegen Liverpool aus der letzten Saison erinnert, als eine ähnliche Szene unmittelbar zu einem Gegentor führte. In solch einer Situation blüht ein Busquets in der Regel auf, der es versteht, mit kurzen Drehungen, Haken und Finten das Spiel zu öffnen und die Stars in der Offensive zu füttern.

Doch nicht nur Rakitic machte im Spielaufbau keinen guten Eindruck, auch Sergi Roberto, der im Mittelfeld startete und mit seinen Dribblings Dynamik ins Angriffsspiel bringen sollte, agierte fast das gesamte Spiel über nahezu unsichtbar. Der Spanier wirkte verloren, konnte dem Pressing der Gäste häufig nichts entgegensetzen und hatte keine Ideen in der Spieleröffnung. Als Roberto Anfang des zweiten Durchgangs auf die Rechtsverteidiger-Position rückte, konnte er sich nicht steigern und auch der eingewechselte Arturo Vidal sorgte nicht für die gewünschten Impulse.

Messis Geniestreich bleibt aus

Der dritte im Bunde, Frenkie de Jong, machte zwar auch nicht sein bestes Spiel, aber ihm merkte man zumindest den Mut zum Risiko an – immerhin er konnte hin und wieder die Linien durchbrechen und Angriffe einleiten, obwohl er seinen ersten Clásico bestritt und kaum Unterstützung seiner Nebenmänner erhielt. Passenderweise bezeichnete El País die Mannschaft Ernesto Valverdes als „ein Team im Schlepptau“. Apropos erster Clásico: viel zu spät wechselte der Trainer in der Offensive und brachte mit Youngster Ansu Fati eine andere Dimension ins Spiel seiner Mannschaft – Gefahr über die Außen. 

Der 17-Jährige konnte den erhofften Lucky Punch jedoch nicht setzen, dafür ist ja in der Regel auch ein anderer zuständig: Lionel Messi. Der Weltfußballer und beste Spieler aller Zeiten ist dafür prädestiniert, in solchen Partien den finalen Nadelstich zu setzen. Jeder im Stadion hatte in den fünf Minuten Nachspielzeit auf einen Geniestreich des Argentiniers gehofft, ihn vielleicht sogar kommen sehen, schließlich hat er Barça so schon unzählige Male drei Punkte beschert. Doch wider Erwarten konnte auch La Pulga die Entscheidung nicht zugunsten der Katalanen beeinflussen. Gegen jede Regel eben.

- Anzeige -

AKTUELLE USER-KOMMENTARE