Kommentar: Was Neymars Rückkehr bedeuten würde

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Welche Auswirkungen hätte ein Transfer von Neymar für den FC Barcelona? Ist er noch der Spieler, der er einst war? Ist er all die Millionen und den Ärger wirklich wert? Sollte Barça seinen Transfer in Erwägung ziehen? Unser Gastautor findet: Nein. Denn Barça würde seine Seele verkaufen. Ein Kommentar.

Ein Gastkommentar von Kevin Williams*

 

Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn war schon immer eine fasziniernde Geschichte – die Rückkehr der abtrünnigen Person, die einst hinfortzog und später reumütig zu ihrer Familie zurückkehrte und von dieser mit offenen Armen unter Beifall empfangen wurde.

Was die Neymar-Legende für viele attraktiv macht, ist, dass sie nicht nur eine Analogie eines verlorenen Sohnes ist. Es ist auch eine Rückkehr in die Vergangenheit, die die Fußballfans liebten. MSN. Der Dreizack. Das Trio Infernale Messi/Suárez/Neymar führte Barcelona zum letztmaligen Triple-Sieg; eine geschichtsträchtige Mannschaft, die seit Neymar weggegangen ist ausgehungert ist; eine Mannschaft, die sich seitdem verzweifelt nach solchen Freuden sehnt. Ein Abgang, der weder für ihn noch für den Verein, den er in der elften Stunde verließ, funktioniert hat.

Nostalgie ist die reinste Verkörperung menschlicher Schwäche; eine Vergangenheit, die verlockend ist, weil wir sie kennen, weil wir denken, dass wir wissen, was uns erwartet. Setze Neymar auf dem linken Flügel ein, schau ihm zu wie er seine Tricks vollführt, wie er Suárez füttert, wie er Doppelpässe mit Messi spielt, wie Suárez trifft, wie sie zusammen lachen und tanzen. Messi verdient diese Freude, denken diejenigen, die die Rückkehr Neymars rechtfertigen wollen.

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Brandgefährlich, unaufhaltsam, unwiderstehlich: der Dreizack Messi, Suarez, Neymar – MSN. Caparros/Getty Images

Allüren, Verletzungen, Vergewaltigungsvorwürfe

Sie sprechen davon, dass Neymar immer noch der zweitbeste Spieler der Welt ist und sie reduzieren eine sehr komplizierte Entscheidung auf den Fußball. Aber wie macht man das, ohne vor Abscheu zu würgen? Bevor man zu irgendeinem Schluss kommt, gibt es diese eine Sache, bei der Fußballfans so geschickt darin sind, sie zu ignorieren: Neymar sieht sich einer Anklage wegen Vergewaltigung ausgesetzt.

Ein Vorfall, bei dem der Fußball zu seiner Verteidigung sprang, so wie er zu Ronaldos Verteidigung sprang und die Stärke und Exzellenz seines Spiels lobte anstatt hervorzuheben, dass er sich eines sexuellen Übergriffs schuldig gemacht haben könnte. Aber der abscheuliche Vorwurf bleibt bestehen. Selbst wenn es sich nur um einen Fall von schlechtem Urteilsvermögen handelt, sollte es immer noch ausreichen, die Ambitionen der Rückholaktion abzukühlen – auch bei einem Verein, der bereits unter Beweis stellen durfte, dass er die Nase zuhält und jemanden unter Vertrag nehmen wird, wenn das zum Erfolg führt. 

Man bedenke: Luis Suárez war ein beißender, tretender, dämonischer Mann, der der rassistischen Schmähung Patrice Evras beschuldigt und für schuldig befunden wurde. All das bedeutete letztlich nur, dass er preislich erschwinglich war – und Barcelona schlug zu. Dass Suárez seit seiner Ankunft bei Barça zum Musterprofi wurde, ändert nichts daran, dass sein Transfer eine kaltblütige Kaufentscheidung war. Eine Entscheidung pro Neymar wäre nochmals schlimmer.

Ein anständiger Verein sollte seinen Transfer nicht in Erwägung ziehen, bis diese Vorwürfe geklärt sind und möglicherweise auch nicht einmal dann, es sei denn, diese Vergewaltigungsanklage wird zu dieser Rarität: eine Vergewaltigungsanklage, bei der der Angeklagte ohne einen Hauch von Zweifel entlastet wird.

Das kann natürlich geschehen und doch besteht das Misstrauen in der Welt der Zustimmung und der verschwommenen Linien fort. Welches Zeichen setzt ein Transfer eines solchen Mannes zu diesem Zeitpunkt gegenüber den weiblichen oder den männlichen Fans Barcelonas mit einem Gewissen? Werden all diese Bedenken von Toren und Trikotverkäufen weggespült? Und wenn dem so ist, was sagt das über uns selbst aus? Vielleicht ist es dem Fußball egal. Das war schon in der Vergangenheit so, also warum jetzt damit anfangen?

Ist Neymar noch der gleiche Spieler wie damals?

Apropos Fußball, wie sich die Zeiten doch ändern. Als Pep Guardiolas rasende Zwerge mit Eleganz und einem Sturm der kurzen Pässe die Gegner durcheinander brachten, passte sich das Fußball-Universum an. Am Ende von Guardiolas Amtszeit hatte sich das Spiel an diese unwiderstehliche Kraft angepasst. Pep passte sich wiederum an und das Spiel ebenfalls. Die Folge: aus Triples wurden Doubles wurden Copas. 

MSN hatte eine noch kürzere Amtszeit. Luis Enrique gab Neymar die Schlüssel zum Angriff – sehr zum Leidwesen vieler, aber es funktionierte. Die Anpassungen, die die Teams vornahmen, bestanden darin, Neymar einfach mit so vielen Verteidigern abzuschotten wie nötig, um seinen kreativen Flow zu zügeln. Die von seinem Tempo und seiner List geschaffenen Freiräume und Passlinien wurden, wenn sie auf eine Mauer von Verteidigern trafen, auf einen ineffektiven Rückpass zurück ins Mittelfeld reduziert und Messis Schatten wuchs so weit, dass er unerträglich wurde.

Seine Entscheidung Barcelona zu verlassen jährt sich bald zum dritten Mal. Damals stellte der August den schlimmstmöglichen Zeitpunkt für einen Transfer dieser Größenordnung dar. Doch vieles hat sich seitdem geändert. Neymar sieht nicht mehr so fit aus wie zu seiner Hochphase bei Barça, nicht mehr so drahtig oder elektrisierend. Die Sprints, mit denen er früher über die Spielfelder glitt, sind etwas schwerfälliger geworden, und sein Spiel spürt es. Er wird mehr, viel mehr von Verteidigern getreten, die ihn früher nicht erwischen konnten oder die nicht schnell genug waren, um ihn mit mehr als nur einem Blick zu treffen. 

Er verletzt sich auch viel öfter. Eine Folge der unzähligen Meilen, die seine Beine zurücklegen durften. Beine, die jetzt schwerer sind, Knöchel, die viel weniger biegsam sind. Die Marke Neymar ist geprägt von Leichtigkeit, Dribblings, Schnelligkeit und Beweglichkeit – doch er kehrt von einer Verletzung zurück, um letztlich eine andere zu erleiden.

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 Die Verletzungen häufen sich. Immer wieder fällt Neymar aus. ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP/Getty Images

Kann sich der Verein Neymar und Griezmann leisten?

Selbst wenn Barcelona seine Seele für Neymars Rückkehr verkauft, muss man sich die Frage stellen, ob die Ergebnisse die gleichen sein würden? Das darf bezweifelt werden. Die Freiräume, die er in der französischen Ligue 1 hat, waren eine Folge der Überlegenheit von Paris St.-Germain, verbunden mit der Naivität der Trainer. La-Liga-Coaches sind wohl besser ausgebildet, die Trainer auf der höchsten europäischen Ebene erst recht.

Nichts davon beinhaltet die Auswirkungen auf die Gehaltssumme der Mannschaft, der ohnehin schon höchsten im europäischen Klubfußball. Aber es gibt noch viele andere Fragen. Denn wer bleibt und wer geht? Wie sicher ist der Griezmann-Deal, und kann der Verein nicht nur ein, sondern zwei massivere Gehälter dieser Größenordnung stemmen? Die kurze und unschöne Antwort ist, dass sie wohl Philippe Coutinho und Ousmane Dembélé verkaufen und ihre Kaderplätze durch Griezmann und Neymar ersetzen würden. Coutinho ist sowieso bereits auf dem Abstellgleis, aber will der Club wirklich seine Zukunft mit Dembélé für kurzfristige Erfolge mit einem 27-Jährigen Brasilianer verpfänden? Sicher, der Verein würde Messi mit den richtigen Werkzeugen ausstatten, um kurzfristig zu gewinnen, aber was ist, wenn das nicht funktioniert?

Kann und will sich Neymar Messi unterordnen?

Nehmen wir an, Neymar kehrt geläutert nach Barcelona zurück, bereit, sich unterzuordnen, so fit zu werden wie früher und hart zu arbeiten – was MSN zum Laufen brachte, war, dass es M…SN war. Wie wird sich ein Mann, der Barcelona verlassen hat, um dem Schatten Messis zu entkommen, fühlen, wenn er zu diesem Schatten zurückkehrt – und wie wird sich diese Realität auf dem Platz auswirken? 

PSG ist erstmals bereit, ihn zu verkaufen. Die Frage, die niemand stellt, ist diese: Wenn just dieser Scheichverein bereit ist, den zweitbesten und meistteuersten Spieler der Welt abzugeben, warum ist das der Fall? Große Vereine geben ihre Starspieler nicht ab, und wenn, dann nicht freiwillig.

Sie köderten Neymar einst mit dem Versprechen von Freiheit, Grandezza und Reichtum. Doch plötzlich spricht PSG-Chef Nasser Al-Khelaifi von Starallüren und davon, Spieler haben zu wollen, die endlich für PSG kämpfen sollen – wie viel Wert hat die beschädigte Ware im Moment also? Wie fahrlässig ist ein Verein, dieses Risiko einzugehen? 

Ein Neymar-Transfer wäre eine moralisch desolate Entscheidung

Der FC Barcelona ist – oder war zumindest – ein stolzer Club. Seine Fans sind es immer noch. Aufgrund der Art und Weise wie Neymar gegangen ist, wollen sehr viele von ihnen den Brasilianer nicht um jeden Preis zurück, manche nicht einmal umsonst. Der Verein kämpfte damals um ihn, Gerard Piqué, Leo Messi, Luis Suárez schossen Fotos, beteuerten öffentlich wie sehr sie ihn mögen, dass er doch bitte bei Barça, bei seiner Familie bleiben möge. Trotzdem ging er fort. 

Als stolzer Culé ist es schwer, denn man ist geneigt zu sagen: ‚Zur Hölle mit Neymar, zur Hölle mit dem Versprechen des zweitbesten Spielers der Welt.‘ Dies gilt selbst dann, wenn man all die anderen Dinge ignoriert, all seine Allüren und Skandale und Verletzungen und sein immenses Ego. 

Der FC Barcelona zieht die Option seiner Rückkehr wirklich in Betracht, das ist mittlerweile klar und das sollte das Herz und die Seele eines jeden Culés nicht nur mit Abscheu, sondern auch mit Traurigkeit füllen. Barcelona war nie der makellose, anständige, vorbildlich-perfekte Verein, für den ihn viele halten. Es gab schon immer Pakte mit dem Teufel – aber das wäre ein Tiefpunkt. Es gibt Menschen, die nichts dagegen haben, eine ethisch und moralisch desolate Entscheidung pro Neymar-Kauf zu treffen – alles für den sportlichen Erfolg. Was traurig ist, ist, dass so viele von ihnen im Board des Clubs zu sein scheinen, verantwortlich für die Prüfung dieser Transferentscheidung, die, egal wie man sie betrachtet, abscheulich ist.

 

*Dieser Artikel ist ein Gastkommentar von Kevin Williams, aus dem Englischen übersetzt von Alex Truica. Kommentare sind Meinungsäußerungen der Autoren, die nicht repräsentativ für Barçawelt stehen.

Kevin Williams ist ein US-amerikanischer Journalist, der für The Athletic und die Chicago Tribune schreibt und auf Barcelona Football Blog über den FC Barcelona bloggt. Ihr könnt ihm auf Twitter unter @kevvwill folgen.

 

Alex Truica
Freier Sportjournalist, Podcaster und Chefredakteur Barçawelt
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