Der nächste Gegner im Fokus: FC Bayern München

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Bildquelle: fcbarcelona.com

Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Champions League-Kracher gegen den FC Bayern München. Die Spannungskurve steigt allmählich und mit ihr die Frage, wie sich der FC Barcelona in der Allianz-Arena schlagen wird und ob die Bayern tatsächlich so gut sind, wie es der bisherige Saisonverlauf suggeriert. Jedenfalls hinterlassen die bisherigen Auftritte der Bayern ein mulmiges Gefühl bei der katalanischen Anhängerschaft und nicht wenige erblicken in ihnen ein unüberbrückbares Hindernis. Wir haben uns das Spiel der Münchener gegen Juventus Turin angeschaut und können nur bestätigen, dass ein schwerer Brocken auf die Mannschaft wartet. Doch es gibt keinen Grund, frühzeitig das Handtuch zu werfen. Wie in jeder anderen Mannschaft auch gibt es bei den Bayern Schwachstellen, die es auszuloten gilt.

Spielverlauf Bayern München – Juventus Turin

Aufstellung: Neuer – Alaba, van Buyten, Dante, Lahm – Luis Gustavo, Schweinsteiger – Ribery, Kroos, Müller – Mandzukic

Zur Halbzeit stand es 1:0 für den Gastgeber, ein schmeichelhaftes Ergebnis für die Mannschaft aus Italien, die sich über weitere Gegentore nicht hätte beklagen dürfen. Das Gegentor fiel allerdings etwas unglücklich in der ersten Minute, als Alaba aus etwa 30m abzog und den Ball im Tor versenkte. Buffon streckte sich, konnte die Kugel aber nicht mehr erreichen, weil der Ball leicht abgefälscht eine eigentümliche Flugkurve einschlug und sich in die aus seiner Sicht gesehen linke Ecke drehte. Für Juventus hatte Vidal die Möglichkeit, auszugleichen, doch sein flacher Schuss ging knapp am linken Pfosten vorbei (13′). Von da an hagelte es Chancen der Bayern, die ihren Gegner in der ersten Halbzeit vollkommen im Griff hatten. Sie mussten in der 16. Minute aber einen Rückschlag hinnehmen. Kroos hatte sich verletzt und musste für Robben Platz machen, der fortan auf der rechten Angriffsseite zu finden war. Müller rückte dafür auf die zentrale Kroos-Position.

Kaum im Spiel, prüfte Arjen Robben die Qualitäten von Buffon, doch dieser bestand die Prüfung mit Bravour (18′). Weitere zwei Minuten später setzte Ribery einen Schuss knapp am linken Pfosten vorbei. Kurz danach wurde eine Ecke lang ausgeführt und fand den Kopf von Dante, der das Leder aber nicht im Tor unterbringen konnte. Nach einem schön vorgetragenen Angriff über rechts, an dem Müller maßgeblich beteiligt war, kommt wieder Robben im Strafraum an den Ball, findet in Gianluigi Buffon aber einmal mehr seinen Meister (32′). Auch der Torschütze versucht es nach Hereingabe von Mandzukic, der sich auf Linksaußen hat heraustragen lassen, nochmal, doch diesmal steht ihm Fortuna nicht zur Seite (38′). Kurz vor der Pause köpfte Schweinsteiger den Ball knapp über die Latte, und auch Juventus konnte einen gut getretenen Eckball nicht in etwas Zählbares ummünzen. Völlig unnötig sah Mandzukic kurz vor Abpfiff noch die Gelbe Karte, seine zweite im Wettbewerb, wodurch ein Mitwirken im Hinspiel gegen den FC Barcelona ausgeschlossen ist.

Die zweite Halbzeit begann mit einer ausgezeichneten Möglichkeit für den verwarnten Mittelstürmer der Bayern, aber auch hier bewahrte Buffon seine Mannschaft vor Schlimmerem. Einen Freistoß von Alaba kann der italienische Schlussmann ohne Mühe klären (53′). Bayern München auch in dieser zweiten Hälfte die klar tonangebende Mannschaft, wenngleich die Anzahl der Tormöglichkeiten im Verhältnis zum ersten Durchgang etwas zurückging. Im Gegenzug aber stieg die Effektivität der Bayern, denn die geringere Anzahl an Torchancen gereichte ihnen zu einem weiteren wichtigen Tor. Einen Schuss von Luis Gustavo kann Buffon zwar abwehren, nicht aber aus der Gefahrenzone herausbefördern, sodass Mandzukic den Ball erreicht und in der Mitte Müller vorfindet, der keine Mühe hat, auf 2:0 zu erhöhen (63′). Sodann folgte noch ein Lebenszeichen von Juventus, aber Vidal scheiterte gleich doppelt an Manuel Neuer (69′). In dieser Situation fehlte die bayerische Ordnung ein wenig, aber letztlich konnte Vidal hieraus keinen Profit schlagen. Ein Schuss von Ribery war zu zentral angeordnet und konnte Buffon vor keinerlei Probleme stellen (70′). Viel Glück hatten die Italiener in der 90. Minute, als Müller erstmal an Buffon und schließlich am eigenen Unvermögen scheiterte. Somit blieb es beim verdienten 2:0 für die Münchener. 

Statistik

Tore: 2 – 0

Torschüsse: 23 – 8

Gespielte Pässe: 455 – 364

Angekommene Pässe: 373 – 286

Fehlpässe: 82 – 78

Ballbesitz (in %): 55 – 45

Fouls: 15 – 15

Abseits: 1 – 2

Analyse

Das Überladen der Außenbahnen

Juventus Turin hatte nicht den Hauch einer Chance gegen diese Münchener Mannschaft. Von Anfang an hielten die Bayern das Heft in der Hand und gaben es bis zum Spielende nicht mehr her. Juppp Heynckes ließ seine Mannschaft in einem 4-2-3-1, das sich als sehr fluide entpuppen sollte, auflaufen. Die drei offensiveren Mittelfeldakteure vor der einzigen nominellen Spitze waren weit davon entfernt, positionstreu zu spielen. Ribery zog es sehr häufig auf die gegenüberliegende Seite zu Arjen Robben(zuvor Kroos) und Letzterer zeigte ein ähnliches Verhalten, wenngleich er weitaus positionstreuer agierte als sein Gegenüber. Der zentral agierende Thomas Müller ließ sich dazu sehr stark auf die Seiten hinaustragen, sodass auf den Flügeln durch die vorrückenden Außenverteidiger, die Sechser sowie den ebenfalls auf die Flügel ausweichenden Mandzukic eine Seite – häufiger die rechte – stark überladen wurde. Was war das Motiv dieser Vorgehensweise? Ein Ziel bestand sicherlich darin, Synergien zwischen herausragenden Einzelakteuren zu fördern. Ribery und Robben, auch Müller, sind bereits in ihrer Individualität sehr gefährliche Akteure, die im Zusammenwirken noch mehr Schaden beim Gegner anrichten können. Die unmittelbaren Gegenspieler der positionsuntreuen Bayern-Spieler werden vor die schwierige Wahl gestellt, ob und wie weit sie ihnen folgen sollen. Das birgt die Gefahr einer zeitweiligen Unordnung, die nachrückende Akteure nutzen könnten. 

Der wichtigste Aspekt der Flügelüberladung besteht aber gewiss in der Kompaktheit des angesetzten Gegenpressings, wenn der Ball verloren geht. Durch die Vielzahl der Spieler hat man einen schnellen Zugriff auf den Gegner und kann ihn stärker unter Druck setzen. Die Wege sind kurz, der Raum ist eng, was insbesondere das Aufbauspiel einer um eine spielerische Lösung bemühten Mannschaft stark beeinträchtigt. Das Gegenpressing der Bayern war sehr stark, bei Ballgewinn ergaben sich für Juventus kaum Möglichkeiten, den Ball länger in den eigenen Reihen zu halten. Angesichts dieses starken Zugriffs gingen die Spieler der “Alten Dame” ziemlich schnell dazu über, den Ball halbhoch ihren Stürmern zuzuspielen, damit diese sodann als Bandenspieler fungieren und nachrückende Mitspieler bedienen können. Die Idee war nicht schlecht, allerdings haben die Turiner die Rechnung ohne die Innenverteidiger des FC Bayern gemacht, welche die Stürmer auch bis tief in die gegnerische Hälfte hinein verfolgten und ein sehr beharrlicher Begleiter waren. Die Stürmer wussten sich zu keinem Zeitpunkt gegen van Buyten und Dante durchzusetzen. Damit hatten die Italiener ein massives Problem, das sie nicht zu lösen vermochten. 

Das Pressing der Bayern(Nicht: Gegenpressing) setzte sehr hoch an, kurz vor der Mittellinie wurde der Gast bereits in Empfang genommen. Meist löste sich ein Spieler aus dem Dreierverbund hinter Mandzukic und begab sich neben den Kroaten in der Pressingformation. Die Einleitung eines Angriffs durch die Mitte war damit mit Risiken behaftet, die zwei Spieler an vorderster Front standen sehr eng beieinander und ein risikoloses Zuspiel auf den Verbindungsspieler Pirlo oder aber Vidal war kaum möglich. Damit wanderte der Ball auf die Außenbahn, wo ihn der Außenläufer entgegennahm und sofort wieder den Druck vom bayerischen Außenläufer oder aber vom Außenverteidiger spürte, wenn Ribery derjenige Spieler war, der sich an die Seite von Mandzukic begab. Durch die starke Unterstützung der Sechser und das sofortige starke Verladen auf die Seite der Angriffseröffnung war kaum eine Fortsetzung im Spiel möglich und der Ballverlust die logische Konsequenz.

Bayern physisch unglaublich stark

Aber nicht nur in taktischer Hinsicht wussten die Bayern zu überzeugen. Wesentlich beeindruckender war der Umstand, mit welcher Intensität sie dieses Spiel geführt haben. Kein Ball wurde verloren gegeben, kleinere Stellungsfehler oder taktische Unzulänglichkeiten wurden durch einen doppelt so hohen Arbeitsaufwand einfach glattgebügelt. Die Spieler von Juventus Turin standen stets unter Druck, wofür insbesondere das starke Arbeiten gegen den Ball verantwortlich war. Sie wurden von ihren Mitspielern isoliert, und insbesondere der Kreativabteilung machte diese Spielweise schwer zu schaffen. Pirlo konnte nicht im Ansatz sein Leistungspotenzial abrufen, wurde bei Ballbesitz sofort von zwei oder drei Bayern-Spielern bedrängt und vom Ball getrennt. Auch sonst war sich niemand bei den Bayern zu schade, die schmerzhaften Wege zu unternehmen. Welcher Stürmer auf der Welt verteidigt unmittelbar vor dem eigenen Strafraum? Antwort: Mandzukic. Immer wieder war er tief in der eigenen Hälfte vorzufinden, ackerte und rackerte wie ein Weltmeister. Dieser unbeugsame Einsatz scheint auf die anderen Spieler abzufärben, denn auch andere Offensivkräfte wie Ribery oder Robben sind stark in die Defensivarbeit eingebunden und offenbar auch bodenständig genug, diese Aufgabe mit der gleichen Hingabe wie im Vorwärtsgang auszuführen. 

Man muss zugestehen, dass das Gesamtpaket beim FC Bayern sehr stimmig ist. In der zweiten Halbzeit haben die Italiener ihre Spielweise der Stärke ihres Gegners angepasst und ihr Offensivspiel wesentlich restriktiver gehandhabt. Das Arbeiten gegen den Ball wurde bis 20m vor dem eigenen Tor komplett eingestellt und die Mannschaft positionierte sich entsprechend tief in der eigenen Hälfte. Dadurch veränderten sich die Ballbesitzanteile auf dem Feld erheblich. Während in der ersten Halbzeit die Bayern sogar etwas weniger Ballbesitz hatten als der Gegner(49%), konnten sie sich zu Beginn der zweiten Hälfte einen Ballbesitzanteil von 65% erarbeiteten. Die Maßnahme des Juve-Trainers allerdings sollte sich als richtig erweisen. Fortan erspielten sich die Bayern weniger Möglichkeiten als noch in der ersten Halbzeit, weil die Grundordnung der Turiner nicht mehr durch verzweifelte Versuche, sich aus der Umklammerung der Bayern zu befreien, gestört wurde. Stattdessen hofften die Turiner nun auf das wichtige Auswärtstor, das allerdings nicht mehr fallen sollte. Die Konter wurden zu unpräzise gespielt und strahlten nur selten im Ansatz Gefahr aus. Eine ziemlich beeindruckende Vorstellung der Bayern.

Vorausblick: Bayern gegen Barça

Welche Rückschlüsse kann man aus diesem Auftritt der Münchener für das Champions League-Halbfinale gegen den FC Barcelona ziehen? Fast gar keine. Das Aufbauspiel der Turiner litt zum Teil sehr unter der Abhängigkeit von Pirlo, ihrem nicht wegzudenkenden Verbindungsspieler zwischen der Defensive und der Offensive. Beim FC Barcelona steht ein analoges Problem nicht zu erwarten, der Spielaufbau aus der Abwehr heraus wird von vielen Spielern getragen, die einen Spielzug gleichermaßen präzise eröffnen können. Weiterhin ist undenkbar, dass sich die Katalanen durch zu große Abstände zueinander selbst isolieren, was ebenfalls ein gewichtiges Problem der Italiener war, das mit dem vorgenannten korreliert. Es wird spannend sein zu beobachten, ob die Bayern auch unter diesen verschärften Bedingungen einen ähnlich guten Zugriff auf ihre Gegnerspieler erhalten oder ob Messi und Co. sich ihren Fängen entziehen können. Vor allem hinsichtlich des bayerischen Gegenpressing wäre es wünschenswert, dass die Barça-Spieler an diesem Tag eine besonders große Pressingresistenz an den Tag legen. 

Einige beschäftigen sich mit der Frage, ob der FC Barcelona gegen die Bayern mit einem Angriffspressing wie im Rückspiel gegen den AC Milan aufwarten soll. Die Partie gegen Juventus Turin konnte uns nur wenig Aufschluss darüber vermitteln, wie die Bayern mit einem gegnerischen Angriffspressing zurechtkommen. Zwei, drei Mal sah man die Turiner-Spiele an vorderster Front pressen, und es schien, als ob die Spieler der Bayern von der Souveränität der Katalanen noch ein ganzes Stück entfernt sind. Die Drucksituation wurde zumeist dadurch aufgelöst, dass der Ball hoch nach vorne befördert wurde. Tendenziell wird man sagen müssen, dass es besser wäre, wenn Tito Vilanova von einem Angriffspressing absieht. Ein Ballgewinn in unmittelbarer Tornähe ließe sich angesichts der nur selten angestrebten spielerischen Lösung der Bayern bei gegnerischem Angriffpressing voraussichtlich nie realisieren, der erste Ball ginge aufgrund der Überlegenheit der Bayern in der Luft zumeist verloren. Besser wäre es, wenn die Mannschaft das Pressing ab dem Mittelfeld ansetzen würde – das gegnerische Tor wäre für die Barça-Akteure noch in Sichtweite und das eigene Tor relativ sicher. 

Noch spielentscheidender könnte allerdings das Gegenpressing werden. Wenn es den Spielern nicht gelingt, ein schnelles Umschalten der Münchener zu unterbinden, könnte dies fatale Folgen haben. Gegen Wolfsburg und auch in anderen Begegnungen dieser Saison hat der Kontrahent dargelegt, wie schnell er von der Defensive auf die Offensive umschalten kann. Viele Tore resultierten aus dieser Qualität, und man möchte nur ungern den eher trägen Piqué oder den unerfahrenen Marc Bartra in Zweikämpfe mit Ribery, Robben oder Müller verwickeln. Aus diesem Grund könnte in der Kompaktheit und der Intensität des Gegenpressings der Schlüssel zu einem vernünftigen Ergebnis erblickt werden. Was macht die Bayern noch gefährlich? Zweifellos ist die Überlegenheit der Bayern in höheren Sphären im Blick zu behalten. Tito Vilanova sollte – zumindest in diesen Spielen – wieder dazu übergehen, die Eckbälle kurz auszuführen. Ecken und Standardsituationen in Tornähe sollten nach Kräften vermieden werden, was allerdings nur dann realisierbar ist, wenn das Pressing und das Gegenpressing funktionieren. 

Abschließend sei gesagt, dass es kaum möglich ist, das Spiel in all seinen Facetten zu antizipieren. Vieles wird sich uns erst offenbaren, wenn der Schiedsrichter das Signal für die Spieleröffnung gegeben hat. Von daher sollte man immer davon ausgehen, dass man nicht alle wesentlichen Aspekte bei einer Abwägung der Chancen des FC Barcelona in diesem Semifinale berücksichtigt hat. Wer weiß, womöglich bekommen die Bayern ob der katalanischen Dominanz am Ball erhebliche Probleme oder aber ihre physisch betonte Spielart – die Bayern sind die Mannschaft mit den meisten Fouls in der Champions League – stellt sich als ein unpassendes Mittel gegen die Ballkünstler aus Barcelona heraus. 

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