Kommentar: Vidal und Barça? Vorsicht, Apokalypse!

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Der Transfer Vidals nach Barcelona wurde nun bereits vor Tagen auf Seiten der Vereine bestätigt, doch die Wogen glätten sich kaum. Was löst diese Aufregung rund um Vidals Wechsel aus? Noch viel wichtiger: Ist sie überhaupt berechtigt? Ich lade Euch zu einem überspitzten und etwas verdrehten Gedankenspiel mit anschließender Analyse ein, um die derzeitige Situation zu veranschaulichen. Aber – Vorsicht! – lest bis zum Ende, wenn Ihr die Konklusion nicht verpassen wollt!

Subjektiv: Vidal und Barça? Wer’s glaubt!

Das Gerücht kam unerwartet. Vidal? Man sei an Arturo Vidal interessiert? Die erste Skepsis ließ nicht lange auf sich warten, leises Murmeln und Ächzen war zu vernehmen. Aber noch blieben die Stimmen unerhört, waren sie doch nur vereinzelt und zu schwach. „Das ist doch nur ein Mittel, um Rabiot unter Druck zu setzen.“, sagten die einen. „Als ob Barça sich je für Vidal interessieren würde!“, verwiesen wieder andere auf die seltsamen Einfälle der Medien im berühmten Sommerloch.
Aber ein schlechter Scherz war es wohl kaum, immer konkreter wurden die Berichte, immer klarer der Ausgang der Spekulationen. Der Unmut nahm zu, das Murren gleichfalls. Wie ein Damoklesschwert schien der Name Vidals über den Köpfen der armen Culés zu schweben. Man duckte sich ängstlich, die Furcht vor dem drohenden Untergang, der nicht mehr abzuwenden war, ließ einen innerlich erzittern. Die einzige Frage, die zu stellen sich lohnte, war folgende: Wann?
Wann würde es sich bewahrheiten? Wann konnte der aufgestaute Zorn entladen, die unterdrückte Gier nach Rache gestillt und der Durst nach einem Schuldigen befriedigt werden?
Am 3. 8. 2018 um 22:30 Uhr war es dann so weit, die Meldung offiziell, der Katalysator da, die Hemmschwelle überwunden. Willkommen, Apokalypse!

Subjektiv: Vidal und Barça? Steinigt ihn!

Wie Hyänen umkreisten sie das Opfer, all jene, die sich an einem Festschmaus wie diesem laben wollten. „Vidal! Der ‚Krieger‘! „Ein Schlächter für Barça! Unwürdig unserer Philosophie! Vidal! Vidal!“.
Immer mehr gesellten sich dazu, immer lauter wurden die Stimmen, die sich im Kanon aufschaukelten. Was sich der Einzelne damals nicht getraut hatte, ging im Kollektiv doch umso leichter von der Hand. „Er zerstört unser Spiel! Unser liebgewonn’nes Barça! 31! Schon 31! Ein Rentner! Ein Produkt des Vorstandes Inkompetenz!“
Der Akt war offensichtlich, die Tat nicht mehr zu verhindern. Einem Rudel Wölfe gleich stürzte man sich auf den Frevler, bereit, ihn zu zerfleischen. „Nimmt unser’n Jungen ihre Chancen weg! Kostet Geld und noch mehr Geld! Alkoholexzesse und Ferraris sind sein Leben! Nicht ein Spieler ist er, sondern ein Parasit! Seht ihn euch doch an! Verletzt noch dazu! Ein Dauerinvalide, der auf Kosten unserer Liebe und Naivität den Annehmlichkeiten frönt! Und so ein Raubein!“
Einmal freigelassen und entbrannt, konnte man die Harpyien nicht mehr stoppen. Der Hunger war unstillbar. Endlich hatte man die Möglichkeit, jemandem all das anzuhängen, was man schon Jahre lang gewittert und vermutet hatte: Der FC Barcelona ist dem Untergang geweiht, die Zukunft grau und verschleiert. „Steinigt ihn!“ Willkommen, Apokalypse!

Objektiv: Vidal und Barça? Fakten auf den Tisch!

So, und jetzt bitte wieder ruhig werden! Geifer abwischen, Emotionalität kurz abstellen, Rationalität aktivieren. Was macht man, wenn man den Überblick verloren hat? Genau, noch einmal von vorne beginnen! Hier also die Fakten, kalt und unverzerrt.
Es wechselt der am 22. Mai dieses Jahres 31 Jahre alt gewordene Arturo Vidal für 18 Mio. Euro (+ ein paar Zerquetsche in Form von Variablen) zum FC Barcelona. Sein Vertrag läuft drei Jahre lang. Er hat früher bei Juventus Turin gespielt, dann bei Bayern München. Fast immer als Stammspieler. Dabei gewann er viele Titel. Geschätzter Marktwert: 35 Mio. Euro. Beste Position: Defensives Mittelfeld. Nebenpositionen: Zentrales und offensives Mittelfeld. Er ist ein sehr physischer Spieler mit Qualitäten in der Balleroberung, dem Passspiel und dem Aufbau. Offensiv weiß er ebenfalls Akzente zu setzen. Er ist chilenischer Nationalspieler mit im Moment exakt 100 Einsätzen. Vidal gewann mit seinem Land mehrmals die Copa América, wobei er die Rolle des entscheidenden Protagonisten innehatte. Er hat viele Tattoos. Er hat einmal seinen Ferrari zu Schrott gefahren. Seine Frisur gefällt den meisten Fußballfans nicht. Er hat das Image eines „Bad Boys“.

Objektiv: Vidal und Barça? Sachlich analysiert!

Nun möchte ich ein paar Kategorien durchgehen und diese so sachlich wir möglich betrachten:
Kategorie Preis:

Vidal wurde fast für die Hälfte seines momentanen Marktwertes verpflichtet. Die ungefähr 20 Mio. Euro sind zur heutigen Zeit für einen Verein wie den FC Barcelona nicht viel Geld. Ein ähnlicher Spieler, Radja Nainggolan (30 Jahre, defensiver Mittelfeldspieler), wechselte diesen Sommer für 38 Mio. Euro zu Inter Mailand. Wobei hier ergänzt werden muss: Vidal ist, mit allem dem Inter-Spieler gebührenden Respekt, eine Klasse über Nainggolan anzusiedeln.
Kategorie Alter: Ja, Vidal wird sich mit seinen 31 Jahren wohl nicht mehr viel entwickeln. Aber er sollte noch 2-3 gute Jahre vor sich haben, in denen er sein beinahe gesamtes Potential ausschöpfen kann. Nachdem er bei Barça nicht jedes Spiel bestreiten wird, dürfte er keine Fitness-Probleme bekommen. Er ist schließlich als Backup eingeplant.
Kategorie Verletzungsgefahr: Vidal hat während seiner Karriere viel gespielt und hatte dieses Jahr eine schwere Verletzung. Mittlerweile hat er sich von dieser erholt. An dieser Stelle möchte ich alle bitten, die medizinische Abteilung ihre Arbeit machen zu lassen. Wenn diese grünes Licht gibt, vertraue ich dieser Entscheidung. Zumindest ist es keinem Fan (selbst wenn er oder sie Arzt bzw. Ärztin sein sollte!) möglich, das von außen zu beurteilen. Wenn Barças medizinische Abteilung sagt, dass er fit ist, dann ist er wohl auch fit!
Kategorie Position: Er ist mit ziemlicher Sicherheit ein Backup für das defensive Mittelfeld. Wen haben wir da noch? Busquets. Und… Busquets. Eventuell auch noch Rakitić, aber da die beiden im Optimalfall gemeinsam spielen, kommt der eine als Backup für den anderen nicht in Frage. Sonst? Unter Umständen Sergi Roberto. Aber nachdem dieser bei Bedarf auch als Rechtsverteidiger, Linksverteidiger, zentraler Mittelfeldspieler, offensiver Mittelfeldspieler oder als Rechtsaußen aufgeboten wird, ist die Position des DMF nicht zwingend seine.
Samper? Eine Wunschvorstellung, aber er ist noch verletzt und wird diese Saison wohl keine Rolle spielen.
Oriol Busquets? Er hat ohne Frage Talent, aber er muss noch viel dazulernen, um bei Barça wirklich spielen zu dürfen.
Kategorie „Nachwuchs-Verdrängen“: Wie bereits angedeutet wurde: Vidal wird keinem Arthur, Aleñà, D. Suárez oder Rafinha den Platz wegnehmen, denn diese würden nie im defensiven Mittelfeld zum Zug kommen. Und schon gar kein Coutinho, Malcom, Munir oder Dembélé. Einzig Samper könnte darunter leiden, aber nachdem dieser für längere Zeit verletzt ist und danach sicher nicht sofort für die Stammelf bereit sein wird, hält sich der Schaden in Grenzen. Um Robertos Spielzeit braucht man sich sowieso keine Sorgen zu machen (und Valverde sieht ihn angeblich nicht im DMF).
Es besteht trotzdem die Gefahr, dass Valverde Vidal den Jungspunden manchmal vorzieht und ihn nicht als „reines“ Busi-Backup einsetzt. Diese Befürchtungen können, aber müssen sich nicht bewahrheiten.
Kategorie „més que un club“ und „tiqui-taca“: Vidal verfolgt einen anderen Spielstil, aber seine Präsenz hat noch keinem Spiel geschadet. Ob es einem gefällt oder nicht: Barças heilige Zeit, in der man den Gegner mit Kurzpassspiel schwindlig spielte und siegte, ist vorbei. Ich bezweifle, dass Vidal an dieser Tatsache schuld ist. Im Übrigen besitzt er eine sehr gute Technik (wohl ohne Zweifel eine bessere als Paulinho).
Kategorie Charakter: Dass Vidal in der Vergangenheit mit unschönen Aktionen auffällig wurde, streite ich nicht ab. Allerdings gab es auch nur zwei oder drei solcher Aktionen und sie fanden nicht jede Woche statt. Nebenbei: In den letzten Jahren gab es keine Skandale mehr um ihn. Und würde ein Spieler, der ein derartiger Problemmensch ist, bei Juventus und Bayern zum Stammpersonal gehören sowie bei der Nationalmannschaft ein verehrter Held sein? Warum scheint man ihn in jedem Verein zu respektieren? Warum trauern ihm viele Bayern-Fans, die ich kenne, nach? Ich wiederhole nochmals, dass ich auch ich nicht glaube, dass er ein Kind von Traurigkeit ist, aber er ist nicht die Verkörperung des Bösen, wie einem mache weismachen wollen. Wer kennt ihn denn schon persönlich?

Objektiv: Vidal und Barça? Guter Deal!

Nun schließe ich meinen Artikel mit ein paar Anmerkungen und Ergebnissen ab. Vidal ist ein Transfer, den der FC Barcelona tätigen kann. Er bringt Attribute mit, die das Spiel bereichern, ist günstig und kann sofort seine Qualitäten einbringen. Eine Tatsache, die bei Arthur und den anderen Jugendspielern nicht gegeben ist. Ob Vidals Verpflichtung Sinn ergibt, hängt eher davon ab, wie ihn Valverde einsetzt. Als Busquets-Backup? Bitte gerne! Als Stammspieler? Auf keinen Fall!
Hätte mich vor ein paar Wochen jemand Folgendes gefragt: „Hey, willst du einen Arturo Vidal für 20 Mio. Euro zu Barça holen?“ – Ich hätte mit „Nein“ geantwortet.
Hätte mir diese Person nun aber dies gesagt: „Hey, wir wollten de Jong, Rabiot, Thiago, Eriksen, Pjanic, Pogba oder ….. verpflichten, aber leider war das nicht möglich. Willst du nun als Backup für Busi einen Vidal für 20 Mio. Euro zu uns holen?“ – Nun, ich werde nicht lügen und sagen, dass ich freudestrahlend „Ja!“ gerufen hätte. Aber nach gründlichem Überlegen wäre ich diesen Deal vielleicht eingegangen.
Arturo Vidal ist und war nie mein Wunschspieler, aber ich kann die Entscheidung, ihn zu verpflichten, nachvollziehen und respektiere sie. Es ist keine schlechte Entscheidung, wenn es auch eine Lösung ist, die den meisten sauer aufstößt. Lasst uns erst einmal die nächsten zwei Jahre abwarten. Wenn dann klar ist, dass Vidal ein schrecklicher Transfer war, dürft ihr mich ebenso angreifen wie viele Menschen Vidal in den letzten Tagen in verschiedenen deutschsprachigen Foren angegriffen haben. Aber davor – bitte respektiert und unterstützt ihn wie jeden anderen Barça-Spieler auch. Er könnte es uns mit Erfolg zurückzahlen.
Noch eins, bevor ich Schluss mache: Das Wort „Apokalypse“ habe ich nicht ohne Grund gewählt. Die meisten Menschen glauben, dieses Nomen würde „Weltuntergang“, „Grauen“ oder „Übel“ bedeuten. Diese Bedeutung ist allerdings absolut falsch und die Assoziationen fehl am Platz. „Apokalypse“ bedeutete einst schlicht „Offenbarung“ oder „Entschleierung“, also nichts Negatives. Erst durch gesellschaftliche Phänomene änderte sich die gängige Bedeutung. Wenn ich von Vidal und einer möglichen Apokalypse spreche, meine ich daher kein drohendes Übel, sondern eine eventuelle Offenbarung; die Offenbarung, dass nicht alles, was schlecht wirkt, auch schlecht ist. In diesem Sinne:
Willkommen, Apokalypse!

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