Deportivo La Coruña gegen FC Barcelona: Taktikrückblick

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Bildquelle: fcbarcelona.com

Welch ein verrücktes Fußballgeschehen am gestrigen Abend. Für jeden Zuschauer war etwas dabei – Spannung, Spiel und Schokolade, Letzteres verkörpert durch Lionel Messi, der als “Falsche 9” daherkam und eine Leistung zum Dahinschmelzen darbot. Die Begegnung hatte aber auch darüber hinaus viel zu bieten und war reichthaltig an taktischen Finessen. Die Innenverteidigung des Gastgebers war schlichtweg überfordert und auch die Defensivleistung der Katalanen war alles andere als rühmlich. Insbesondere auf der linken Abwehrseite mangelte es häufig an Unterstützung.

Villa und Tello in der Startelf

Tito Vilanova überraschte die Zuschauer mit seiner Startaufstellung, in der sich sowohl David Villa als auch Cristian Tello wiederfanden. Beide Spieler bevorzugen das Spiel über den linken Flügel, interpretieren diese Position ob ihrer naturgemäßen Spielentfaltung aber gänzlich verschieden. Villa agiert invers, während Tello den pragmatischen Weg geht und versucht, die Grundlinie zu erreichen. Erwartungsgemäß wurde Villa der linke Flügel zuteil und Tello nahm die gegenüberliegende Seite ein. Mit dieser Entscheidung hat Vilanova auch das offensive Auftreten von Jordi Alba definiert, der bei Villas Ausflügen ins Zentrum auf links für die erforderliche Breite im Spiel sorgen sollte. Inmitten dieser Flügelzange fand sich wie gewohnt Lionel Messi, der mit der Interpretation der “Falschen 9” noch Aufsehen erregen sollte. 

Im Mittelfeld vertraute der Trainer auf Busquets, Iniesta und Fàbregas. Xavi nahm zunächst auf der Bank Platz und kam erst spät in die Partie. Eine größere Unbekannte im Vorfeld der Begegnung war die Besetzung der Abwehrpositionen. Konkret stellte sich die Frage, ob Bartra zu einem Einsatz in der Innenverteidigung kommen würde. Vilanova hatte im Interview angekündigt, Bartra Spielzeit zu gewähren, doch dazu kam es nicht. Song spielte von Beginn an und angesichts der schwierigen Umstände kam eine Einwechslung von Bartra später nicht mehr in Betracht. Ansonsten präsentierte sich der Defensivverbund wie allseits erwartet. Montoya vertrat den verletzten Dani Alves und Mascherano sollte als Abwehrchef den “Laden” zusammenhalten. Jordi Alba bekam diesmal den Vorzug von Adriano auf der linken Außenverteidigerposition. 

Deportivo läuft in “Falsche 9-Falle”

Das Sytem des FC Barcelona entsprach einmal mehr einem 4-3-3, das bis zum Platzverweis auch beibehalten wurde. An der Viererabwehrkette hat Vilanova aber diesmal nicht gerüttelt. Der Gegner stemmte sich mit einem 4-5-1 gegen die katalanische Spielgewalt, zunächst erfolglos. Nach 20 Minuten stand es bereits 3:0 und das Ergebnis war nicht das Produkt großen Zufalls oder vollkommenen Glücks, sondern eklatanter Überlegenheit. Die Spieler des FC Barcelona spazierten mit Leichtigkeit durch das lose Mannschaftsgefüge von Deportivo und ließen Defizite zu Tage treten, die einer Erstliga-Mannschaft nicht würdig sind. Deportivo positionierte sich relativ tief, agierte sehr passiv und zeigte kaum Arbeit gegen den Mann. Die Lücken zwischen den Spielern waren sehr groß und luden förmlich zu Lochpässen zwischen die übergroßen Schnittstellen ein. Nach 2 Minuten war bereits Jordi Alba frei durch und vollendete locker zum 1:0. Es war erschreckend, wie leicht dieses Tor zustande kam. Ein Lochpass von Fàbregas vorbei am Mittefeld- und Abwehrverbund und schon war eine hunderprozentige Möglichkeit hergestellt. 

Auch in der Folge konnte sich Deportivo nicht fangen und ging im eigenen Stadion unter. Augenfällig war, wie weit die Innenverteidiger aus ihrer angestammten Position herausrückten, um die Gegenspieler zu stellen. Messi wurde vom linken Verteidiger sehr häufig bis in die Mittellinie verfolgt, konnte ihn aber an der Verarbeitung der an ihn gerichteten Pässe nicht hindern. Dieses Verhalten des linken Innenverteidigers bildete in der 7. Spielminute den Ausgangspunkt eines weiteren Tores für die Blaugrana durch Tello. Auch dem rechten Innenverteidiger kann in dieser Situation ein Vorwurf gemacht werden, weil er ebenfalls weit rausrückt, um seinen Gegenspieler an der Ballannahme  zu hindern und dabei das Risiko durch den bereits vertikal durchstartenden Lionel Messi völlig verkennt. Das weite Herausrücken bildete eine sehr fragliche Methode der Innenverteidiger, da die Voraussetzungen für dieses Verhalten auf dem Feld nicht gegeben waren. Die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld waren schlichtweg zu groß und der Mittelfeldverbund zu lose, als dass man hieraus hätte irgendwelche Vorteile ziehen können.

Das Wechselspiel zwischen Fàbregas und Messi auf der Position der “Falschen 9” dürfte bereits vielen Culés bekannt sein. Und auch diesmal hat sich dieser taktische Kniff wieder wunderbar bewährt und verhalf dem Team zum dritten Tor. Unmittelbar zuvor konnte Fàbregas bereits den linken Innenverteidiger herausziehen und damit die Verteidigung des Gegners entblößen. Durch die direkte Weiterleitung des Balles an Messi konnte dieser in die entstandene Lücke vorstoßen und wäre beinahe frei durch. Kurze Zeit später war die längst überfällige Verewigung in der Torschützenliste durch Messi aber Realität. Einmal mehr bindet Fàbregas beide Innenverteidiger, nachdem der Ball wieder viel zu einfach den Mittelfeldverbund passiert hatte. Der Rest geht auf das Konto der mittlerweile herausragenden Schusstechnik von Messi. 

Fehlgehendes Gegenpressing 

Wer zu diesem Zeitpunkt ein zweistelliges Ergebnis ins Visier genommen hat, sah sich kurz darauf eines Besseren belehrt. Das Gegenpressing ging in Minute 25 nach einer Ecke ins Leere und verschaffte dem Gastgeber eine ausgezeichnete Konterchance. Drei Angreifer fanden lediglich drei verteidigende Spieler vor, Busquets lief in dieser Situation nur hinterher und konnte aufgrund seiner fehlenden Schnelligkeit nicht mehr einschreiten. Ein unnmittelbares Kontertor hat sich Barcelona nicht gefangen, jedoch ein mittelbares in Gestalt eines durch Mascherano – vermeintlich – verschuldeten Elfmeters. Letztlich entscheidend war aber das Fehlgehen des Gegenpressings. Es ist außerdem nicht nachzuvollziehen, warum sich der FC Barcelona in dieser Situation derart offensiv positioniert bei einem Spielstand von 3:0. 

Von da an war der FC Barcelona größeren Widerstand ausgesetzt in einem Spiel, dass die Spieler innerlich vermutlich bereits abgehakt haben. Die Spieler Deportivos nahmen den Kampf an und waren fortan näher am Mann und zeigten eine größere Laufbareitschaft. Die Kumulierung dieser Faktoren führte zu vielen einfachen Ballverlusten beim FC Barcelona. Der Gegentreffer nach einem Eckball hat nicht gerade zur Entschärfung der Situation beigetragen. Aber zum Glück hatten Fàbregas und Messi noch eine Antwort parat und brachten die gegnerische Defensive mit ihren ständigen Positionsrochaden auf der “Falschen 9” zur Verzweiflung. Einmal mehr hat Fàbregas den linken Innenverteidiger des Gegners herausgezogen und bediente den vertikal durchstartenden Messi mit einem herrlichen Zuspiel. Messi und Fàbregas – ein Genuss in dieser Partie.

Platzverweis von Mascherano und die weitreichenden Folgen

Springen wir in die zweite Halbzeit. Nach dem Freistoßgegentor und dem Platzverweis von Mascherano wurde es kritisch für die Katalanen. Vilanova sah sich veranlasst, umzustrukturieren und brachte Adriano für Villa. Damit bildeten Adriano und Song fortan die Innenverteidigung des FC Barcelona. Durch den Verlust eines Spielers bekamen die Mannen von Vilanova massive Probleme beim Spielaufbau. Natürlich positionierte sich Deportivo nun höher und versuchte in tornäheren Regionen einen Ballgewinn zu generieren. Anspielstationen waren Mangelware und die ballführenden Spieler wurden früher in Bedrängnis gebracht. Problematisch beim Spielaufbau war überdies die fehlende Breite im Spiel. Mit der Auswechslung von Villa hatte Barcelona nur noch einen richtigen Stürmer auf dem Feld, namentlich Pedro, der für Tello in die Partie kam. Der linke und der rechte Flügel verwaisten stark. Dieser Entwicklung versuchte Jordi Alba entgegenzuwirken, indem er stärker nach vorne verschob – allerdings nur gemäßigt, weil er von Defensivaufgaben weiterhin aufgrund des Bestands der Viererkette nicht befreit war. 

Die Verwaisung der Flügel hatte zur Folge, dass Deportivo das Spiel sehr eng machen konnte, ohne Gefahr zu laufen, auf den Außenbahnen überlaufen zu werden. Die Außenverteidiger rückten zu diesem Zweck ein und verengten das Zentrum zusätzlich. Das Spiel durch das Zentrum war für den FC Barcelona also verschlossen und die Außenbahnen nicht besetzt. Die weitere Strategie bestand darin, den Gegner durch Ballbesitz fern vom eigenen Tor zu halten; das Ergebnis sollte demnach verwaltet werden. Xavi kam in die Partie, um Ruhe in das Spiel zu bringen und den offensivfreudigen Fàbregas zu ersetzen. Trotzdem gelang es Deportivo, den ein oder anderen Angriff vorzutragen, was im Ansatz gefährlich war. Man konnte Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Song und Adriano erkennen, wodurch es Letzterem nicht immer möglich war, Jordi Alba auf links Außen zu unterstützen. Song verpasste es einige Male, einzurücken und Adrianos Gegenspieler zu übernehmen. Es entstanden damit Gleich- und zuweilen auch Unterzahlsituationen auf der linken Abwehrseite. 

Dass das Spiel letztlich glimpflich abgelaufen ist, ist einmal mehr den Qualitäten von Messi zu verdanken. Blitzschnell erkannte er die Lage, als zum wiederholten Male der Innenverteidiger in seinem Rücken auftauchte. Mit einer Körperwendung löste er sich von ihm und begab sich auf den Weg zu seinem dritten Tor an diesem Abend. In dieser Situation hat Messi seine individuelle Klasse aufblitzen lassen, aber gleichermaßen auch sein taktisches Gespür. Ihm war mit Sicherheit bewusst, dass die Chancen gut stehen würden, wenn er diesen einen Innenverteidiger hinter sich lässt. Ein super Tor des kleinen Argentiniers!

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