Türchen Nr. 21 – Wie Laureano Ruiz Barça revolutionierte

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Hinter unserem 21. Türchen verbirgt sich mit Laureano Ruiz eine große Persönlichkeit des FC Barcelona. Er hat die Jugendarbeit bei den Katalanen revolutioniert und wie kaum ein anderer den Erfolg des Vereins geprägt. Keine Zweifel, Laureano hat sich einen Platz in unserem Adventskalender verdient!

Geboren am 21. Oktober 1937, ist Laureano Ruiz Quevedo nicht nur der Vater des Erfolgs von Barças-Jugendakademie, sondern auch ein großer Visionär und Revolutionär des gesamten spanischen Fußballs. Mit 18 Jahren kam Ruiz zu Racing Santander und spielte dort knapp drei Jahre lang und war gleichzeitig Trainer der Jugendmannschaft Racings. Später wechselte Ruiz zu Gimnástica de Torrelavega, wo er schon im Alter von 28 Jahren seine Karriere als Profifußballer beendete, blieb aber weiterhin Trainer der Fußballakademie von Racing. Nach einer kurzen Zeit als Trainer von Racing Santander konzentrierte sich Ruiz gänzlich auf die Ausbildung von jungen Spielern.

Von der Überlegenheit kleiner Spieler überzeugt

Am 15. April 1972 spielte die Juvenil A des FC Barcelona im Finale der Copa Catalunya gegen den CF Damm, die von einer Bierfirma gesponsert wurden und auch die Biermarke in ihrem Klubnamen trugen. Nach vielen Jahren ohne Titel wollte man gegen CF Damm die titellose Durststrecke beenden und wieder an der Spitze aller Juvenil A-Teams Kataloniens stehen. Vor den Augen von 15.000 Zuschauern, darunter auch große Persönlichkeiten Kataloniens, verlor Barças Juvenil A mit 2-3 und musste weiterhin auf einen Titel warten. Auch wenn es sich dabei nur um ein Turnier der Nachwuchsmannschaften handelte, waren die Ausmaße dieser Niederlage auf den Verein enorm. Der damalige Präsident des FC Barcelona Agusti Montal konnte die Niederlage gegen eine „Biermarke“ nicht ohne Konsequenzen akzeptieren. Diese Niederlage sollte einen Umbruch in Barças-Jugendakademie einleiten. Schon bald kontaktierte man Laureano Ruiz, der sich in der Jugendakademie von Racing bereits einen Namen gemacht hatte. Im Sommer 1972 trat Ruiz sein Amt als Trainer der Juvenil A an und es dauerte nicht lange, bis Ruiz die ersten Änderungen durchführte. „Als ich bei Barça ankam, hing an der Tür des Trainer-Büros ein Schild mit der Aufschrift: ‚Wenn Sie mit einem Spieler für die Juvenil kommen, der kleiner als 1.80 m ist, dann drehen Sie sich wieder um!‘ Diese Besessenheit für große Spieler war nicht nur bei diesem einem Klub zu finden, sondern eine bereits bei vielen Klubs etablierte Sichtweise. Wenn sie einige Jahre früher geboren worden wären, dann hätten es kein Messi, Xavi oder Iniesta in die erste Mannschaft geschafft.“

Laut Ruiz war dieser Schritt einer der wichtigsten gewesen, um seine Ideen umsetzen und Barças-Jugend an die Spitze führen zu können. Auch heute glaubt Ruiz an die Vorteile der kleineren Spieler. Gleichzeitig sei aber die richtige Mischung aus kleinen und großen Spielern sehr wichtig für den Erfolg einer Mannschaft. „Und heute ist es immer noch so. Die kleinen Spieler haben gegenüber den großen Spielern sehr viele Vorteile wie beispielsweise beim Antritt, bei der Änderung der Laufrichtung und der Beweglichkeit. Beweglichkeit spielt im modernen Fußball eine sehr große Rolle. […] Die großen Spieler haben auch ihre Vorteile: größere Schritte, Zweikampfstärke, Kopfballstärke. Deshalb hatten die größten Mannschaften der Geschichte immer Spieler verschiedener Größen in ihren Reihen. Wie das Madrid von Di Stefano, Puskas‘ Honved, Peles Santos, Zicos Flamengo und Messis Barça. Trotzdem, die besten Spieler waren immer die kleineren: Pele (1.70m), Di Stefano (1.74), Puskas (1.67), Zico (1.71), Gento (1.65), Kopa (1.69), Seeler (1.69), Messi (1.69), Maradona (1.65), Xavi (1.69) und Iniesta (1.67).“

Schule wird zum festen Bestandteil von La Masia

Bei Barça stand aber die körperliche Stärke eines Spielers an oberster Stelle, sodass man fast gänzlich auf kleinere Spieler verzichtete. Diese Sichtweise passte jedoch nicht in das Konzept von Ruiz, der die Fähigkeiten mit dem Ball in das Zentrum seiner Fußballidee stellte und sich darauf konzentrierte, die Spieler mit der besten Technik zu fördern. Da ihm auch klar war, dass nicht jeder Nachwuchsspieler ein Profifußballer werden konnte, bemühte sich Ruiz darum, den jungen Fußballern auch außerhalb des Platzes eine Beschäftigung und Ausbildung zu organisieren. Zusammen mit der Klubführung stellte Ruiz die Nachwuchsspieler vor die Wahl: Arbeit oder Ausbildung. „Es ist sehr wichtig, dass die Trainer sich nicht nur um die fußballerische, sondern auch um die schulische Ausbildung der jungen Spieler kümmern. Als ich zu Barça kam, hatten wir 147 junge Spieler und 126 von ihnen haben weder gearbeitet noch gingen sie in die Schule und haben sich nur auf den Fußball fokussiert. Ich fühlte mich schrecklich und habe mich entschieden, dass jeder von ihnen entweder arbeiten oder in die Schule gehen musste und das Beste aus seinen Möglichkeiten machen sollte. Ansonsten hätten sie keine Chance mehr, weiterhin beim Klub zu bleiben.“ Heute ist die schulische Ausbildung ein fester Bestandteil der Ausbildung in La Masia.

Laureano Ruiz strebt homogene Spielweise an

Unter der Leitung von Ruiz gewann die Juvenil A von Barça in den nächsten fünf Jahren sowohl die katalanische als auch die spanische Meisterschaft, die man bis zu diesem Zeitpunkt nur zwei Mal gewinnen konnte. Doch es waren nicht nur die Titel, die die Klubführung und die Massen beeindruckten, sondern die Spielweise der Jugendteams, die Ruiz trainierte. Es war Laureano Ruiz, der vor allen anderen seine Mannschaften mit der 3-4-3-Aufstellung spielen ließ und später auch die Klubführung davon überzeugte, dass seine Spielweise und Trainingsmethoden in allen Jugendteams des Klubs praktiziert werden müssen. „Zuallererst musste ich darauf aufmerksam machen, dass die Jugendmannschaften nicht auf die gleiche Weise trainieren sollten wie die erste Mannschaft. Genauso wie es einen Unterschied zwischen der Schule und der Universität gibt. Ein Beispiel hierfür wäre, dass sehr viele Trainer der Meinung sind, man müsse bei jungen Spielern zuerst an ihrer Physis, und erst wenn sie 17 sind, an ihrer Technik arbeiten. Das ist ein großer Fehler. Fußballtechnik hängt von der Bewegungskoordination ab, die sich viel früher entwickelt. […] Das Wichtigste war, dass die Spielweise aller Jugendmannschaften des Klubs identisch war. […] Ich habe das System eingeführt, das heute sehr verbreitet ist. Ein Sturm mit drei Stürmern – zwei ganz vorne und ein ‚Falscher Stürmer‘ hinter ihnen. Mit der Trikotnummer wussten die Spieler auch ihre Position und die damit verbundenen Aufgaben, wie beispielsweise als ‚9er‘ zu spielen. Ich habe auch das Pressingspiel eingeführt, für das ich mich vom Basketball inspirieren ließ. Mein System wurde schon vor meiner Zeit bei Barcelona gespielt und es hat sich in den 60ern bei Mannschaften wie Racing bewährt.“

Ein besonders wichtiges Element in den Trainings von Ruiz war das sogenannte Spiel ‚El Rondo‘, bei dem sich die Spieler in einem Kreis aufstellen und zwei Spieler im Zentrum des Kreises versuchen, den hin und her zirkulierenden Ball abzufangen. Mit dieser Übung arbeitete Ruiz auf eine sehr einfache Weise an der Technik, Intelligenz, Passgenauigkeiten, Reaktion, Übersicht und Schnelligkeit der Spieler. Ruiz war der erste, der diese Übung in Spanien spielen ließ. Seitdem wird die Übung sowohl von allen Fußballklubs in Spanien als auch weltweit, angefangen bei den Kleinsten bis hin zu der ersten Mannschaft, praktiziert. Johann Cruyff kommentierte es später in seiner Amtszeit mit den Worten, man könne mit diesem Spiel alles trainieren, was es in einem Fußballspiel gibt, außer das Schießen. Unter anderem den Wettkampfgedanken und das Kämpfen um die freien Räume. Das Verhalten mit und ohne den Ball, das Kurzpassspiel und die Zurückeroberung des Balles.

Technische Fertigkeiten und Willensstärke maßgebend

Die Umsetzung seines Konzeptes verlief jedoch nicht leicht und reibungslos, wie Ruiz es sich gewünscht hatte. Damit sein System auch erfolgreich war, brauchte Ruiz die richtigen Spieler dafür. Hier stieß Ruiz oftmals bei der Klubführung auf taube Ohren. Zu diesem Zeitpunkt versuchte der Klub stets körperlich starke Spieler aus dem Nachwuchs in die erste Mannschaft zu holen und solche auch von außerhalb zu verpflichten. In den Augen von Ruiz lag der Erfolg aber nicht in den körperlich, sondern technisch starken Spielern, die wiederum vom Klub nicht gefördert wurden und keine Chance hatten, jemals in der ersten Mannschaft spielen zu können. „Eines der ersten Dinge, die ich damals gemacht habe, war Spiele zu organisieren und die Spieler zu beobachten. Ich hatte zu jedem Spieler eine Mappe, in der alle Stärken und Fähigkeiten der Spieler aufgelistet waren und auch die Information, welche Spieler der Klub unterstützen wollte und welche nicht. Bei einigen Spielern war ich mir sicher, dass sie nicht gut genug waren, aber in den Mappen dieser Spieler stand, dass sie gut genug seien und weiterhin im Klub bleiben würden. Und mit den Spielern, die mir gefielen, war es umgekehrt. Unter ihnen waren auch die Spieler Fortes und Corominas, aber beide Spieler waren vergleichsweise klein. In den nächsten drei Wochen war ich in einem persönlichen Konflikt mit mir selbst, da ich diese Spieler sehr mochte. Sie waren aber seit ihrem achten Lebensjahr im Klub und ich sagte zu mir: ‚Der Klub kennt sie seit ihrer Kindheit und vielleicht haben sie Recht damit.‘ Aber je öfter ich ihnen beim Spielen zuschaute, desto mehr gefielen sie mir, und nach zwei Jahren waren beide in der ersten Mannschaft. Keiner der anderen körperlich starken Spieler, an die ich nicht glaubte, schaffte es in den Profifußball. So war es damals im Klub. […] Zu wissen, wie man die beste Mannschaft zusammenstellt, ist sehr entscheidend. Auch während des Spiels muss man analysieren, wie die Mannschaft spielt und auch Korrekturmaßnahmen treffen, die benötigt werden wie beispielsweise der Positionstausch der Spieler, Änderung der Manndeckung oder generell die Änderung des gesamten Spielplans.“ Neben genug Talent betrachtete Ruiz die Willensstärke eines jungen Spielers als gleichermaßen wichtig, denn keiner von den Spielern würde es jemals zu einem Profifußballer ohne harte Arbeit und viel Einsatz schaffen.

Johan Cruyff vollendete Laureanos Arbeit

1978 verließ Laureano Ruiz den FC Barcelona und arbeitete danach weiter als Jugendtrainer für verschiedene Klubs und Schulen. In den sechs Jahren als Koordinator für die Jugend des Klubs führte Ruiz die Juvenil A zu mehreren Titeln, war verantwortlich für die Erfolge aller anderen Jugendteams und die Neuorganisation der Jugendakademie des FC Barcelona. „Als ich nach Barcelona kam, war hier nichts organisiert. Es war sehr viel harte Arbeit, um diese fußballerische und soziale Umgebung zu erschaffen. […] Mein Traum war es, und das habe ich schon immer öffentlich verlautbart, dass eines Tages die ganze Mannschaft des FC Barcelona aus den eigenen Nachwuchsspielern besteht und mit meinen Methoden und mit mir als Trainer arbeitet.“ Zu der vollkommenen Erfüllung seines Traumes ist es leider nie gekommen, auch wenn er im Jahr 1976, nach der Entlassung von Hans Weisweiler, für sechs Spiele die erste Mannschaft des FC Barcelona betreute. Aber mehr als 30 Jahre nach seiner Zeit bei Barça sind 17 der 25 Spieler im Kader in der Jugendakademie des Klubs ausgebildet worden. In den Champions League-Endspielen 2008/09 und 2010/11 standen beide Male sieben Spieler in der Startaufstellung, welche die verschiedenen Mannschaften von La Masia durchlaufen haben. Sehr oft wird jedoch der Erfolg von La Masia der Arbeit von Johan Cruyff in seiner Amtszeit als Barça-Trainer von 1988 bis 1996 zugeschrieben und nur selten wird in der Fußballwelt der Name Laureano Ruiz genannt, wenn man über die Spielphilosophie des FC Barcelona spricht. Vor der Amtszeit von Johann Cruyff gelang es dem FC Barcelona in mehr als 20 Jahren nur zwei Mal die spanische Meisterschaft zu gewinnen und erst Cruyff brachte Barça mit vier Titeln in der Liga und dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister an die Spitze Spaniens und Europas. Der FC Barcelona verzauberte mit dem ‚Totaalvoetbal‘ die Fans und gewann gleichzeitig zahlreiche Titel. So ist es nicht überraschend, dass die Erfolge von Barças Jugendakademie sehr oft zusammen mit dem Namen Johann Cruyff genannt werden, da auch Cruyffs Schüler Josep Guardiola mit einer ähnlichen Spielweise Erfolg hatte und in seiner Amtszeit 14 Titel gewinnen konnte. Bevor der Holländer bei Barça das Zepter in die Hand nahm, war der Klub für eine lange Zeit erfolglos und spielte weit unter seinen Möglichkeiten. In den Jugendmannschaften wurde aber immer noch mit dem System von Ruiz gespielt. Es war die erste Mannschaft des Klubs, die ihr eigenes System nicht anwandte. Erst mit der Bestellung Cruyffs als Barça-Trainer trafen sich zwei Fußballideen, die heute zusammen die Philosophie des Barça-Spiels bilden. Auch wenn es Cruyff war, der das Werk von Ruiz vollendete, darf man die Arbeit von Laureano Ruiz nicht vergessen, der mit seinem Spielsystem in der Barça-Jugendakademie die Weichen für den späteren Erfolg stellte.

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