Der Arthur-Pjanic-Tausch: Desaster mit Potenzial

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Der Deal zwischen dem FC Barcelona und Juventus Turin, bei dem Arthur und Miralem Pjanic die Seiten tauschen, sorgten für großes Unverständnis bei den Anhängern Barças. Doch auf den zweiten Blick könnte dieser scheinbar rein finanziell motivierte Transfer auch Potenzial besitzen. Ein Kommentar.

Es ist der bisherige Kracherdeal des Sommers: Der FC Barcelona verkauft Arthur für 72 Millionen Euro (plus 10 Millionen an möglichen Bonuszahlungen) an Juventus Turin und sichert sich im Gegenzug die Dienste von Miralem Pjanic (60 Millionen plus 5 variabel).

Transfer aus rein finanziellen Gründen

Die ersten Reaktionen bei den meisten Barça-Fans? Sicherlich alles andere als positiv. Die reflexhafte Frage, die sicher den meisten Culés als erstes in den Kopf schoss: Warum gibt man einen 23-Jährigen, noch dazu eines der größten Mittelfeld-Talente der europäischen Topklubs, im Gegenzug für einen sieben Jahre älteren Spieler ab, der seinen Zenit wahrscheinlich schon überschritten hat – und bekommt gerade einmal läppische 12 Millionen Euro (im Idealfall 17 bis 22 Mio.) oben drauf?

Beide Akteure sind zumal äußerst ähnliche Spielertypen – außerdem hat der FC Barcelona ohnehin nicht erst seit gestern ein Problem mit hoch dotierten Verträgen alternder Stars. Warum sollte sich ein Topklub den nächsten Ü-30-Spieler ans Bein binden und seinen eigenen talentierten wie jungen Mittelfeldspieler regelrecht vom Hof jagen?

Die Antwort darauf lautet so simpel wie entlarvend: Aus finanziellen Nöten. Durch einen Trick in der Bilanz bei Transfers von Spielern schaffen es die Katalanen, ihren Jahresabschluss für das zum 30. Juni ausgelaufene Geschäftsjahr in so weit aufzuhübschen, dass die Herren in der Führungsetage nicht persönlich für mögliche Verluste haftbar gemacht werden können. So weit ist es beim großen FC Barcelona mittlerweile also schon gekommen.

Dass Barcelona durch eine größtenteils miserable Transferpolitik längst schon in eine tiefe finanzielle Krise geraten ist, ist allgemein bekannt. Nun wurde allerdings erstmals so offensichtlich ein Hoffnungsträger für die Zukunft im Tausch für den nächsten Akteur auf der falschen Seite der 30 hergegeben.

Die Konsequenzen des Arthur-Verkaufs

Für das sportliche Projekt und das Image des Vereins wirkt dies wie ein Desaster. Auch wenn Arthur die großen Erwartungen bis jetzt nicht vollends erfüllen konnte, so sieht man doch deutlich, welches Potenzial in ihm steckt. Potenzial ist allerdings ein gutes Stichwort.

Der Fußball ist ein äußerst schnelllebiges Geschäft gespickt mit Konjunktiven, niemand kann mit voller Gewissheit vorhersagen, was in einem oder in zwei Jahren sein und wer sein Potential letztlich ausschöpfen wird, geschweige denn, wer in der nächsten Saison bei den Katalanen auf der Trainerbank sitzt – und welche Spieler-Präferenzen ein Trainer hat.

Aus sportlicher Sicht kann man mit Blick auf die nahe Zukunft konstatieren: Barça hat im letzten Sommer mit Frenkie de Jong den auserkorenen Mittelfeld-Chef der Zukunft verpflichtet, bis hierhin jedoch noch nicht die idealen Partner oder die ideale Rolle für den Niederländer gefunden.

Sergio Busquets gehört in Bestform auf der Sechs zwar immer noch zur absoluten Weltklasse, wird allerdings Mitte Juli 32 Jahre alt und zeichnet sich nicht mehr unbedingt durch große Konstanz oder Belastbarkeit aus. Und gerade diese Attribute konnte auch Arthur in seinen zwei Jahren nicht immer an den Tag legen. Zu oft fehlte der Brasilianer verletzt oder zeigte bestenfalls durchschnittliche, weil risikoarme Leistungen. So als wüsste er gar nicht um sein enormes Potential. 

Jetzt, nachdem der Transfer verkündet wurde, kann man schon nach wenigen Spielen erkennen: Besonders der steile Aufstieg Riqui Puigs nach der Corona-Pause macht Arthur ein Stück weit entbehrlicher.

 

Pjanic als ältere Arthur-Version

Bei Neuzugang Pjanic darf man sich einen etwas größeren Impact im Vergleich zu Arthur erhoffen: Der bosnische Nationalspieler ist ein gestandener Fußballer, der seit Jahren auf höchstem Niveau in Europa agiert – und im Gegensatz zu Arthur so gut wie nie verletzt ist. In seinen drei Spielzeiten bei Juve war der Bosnier insgesamt 27 Tage verletzt,verpasste so aufgrund von sechs Verletzungen gerade mal 6 Spiele. Zum Vergleich: Arthur fiel in seinen beiden Saisons bei Barça insgesamt 123 Tage verletzt aus, verpasste durch neun verschiedene Verletzungen 22 Spiele – und das, obwohl Arthur sieben Jahre jünger ist.

In gewisser Weise ist Pjanic vom Spielstil her zwar nur eine ältere Version des Brasilianers, für die nächsten ein bis zwei Jahre könnte er allerdings eine verlässlichere sein – spätestens dann sollen Puig und de Jong sowieso die nächste Ära im blau-roten Mittelfeld prägen.

Während man einem Arthur also mit konstanter Spielzeit zur vollen Entfaltung seines Talentes verhelfen muss – sofern er wie gesagt sein Potential überhaupt entfalten kann – ist Pjanic ein fertiger Spieler, der in den nächsten Jahren sukzessive eher weniger statt mehr Minuten bekommen wird. Was wiederum die Chancen für Puig und Carles Aleñá erhöht, sich entwickeln zu können und eine wichtige wie feste Rolle in der Mannschaft einzunehmen. 

Dieser Tausch-Deal, der als erste Intention nur aus bilanztechnischen Gründen entstanden zu sein scheint, besitzt auf den zweiten Blick durchaus Potenzial, mit den entsprechenden Feinjustierungen zur Geltung zu kommen.

Der FC Barcelona brauchte Cash und hat in dieser Krise den vielleicht entbehrlichsten Spieler mit dem höchsten Gegenwert abgegeben, sich im Gegenzug eine erfahrenere Variante Arthurs gesichert, die Barça bis zur endgültigen Etablierung Riqui Puigs mehr helfen könnte. Das Vertrauen in den Vorstand hält sich zwar in Grenzen, gerade was das Durchführen von Deals mit Weitsicht anbelangt, allerdings kann sich das anfängliche Desaster auch als ein mehr als nur bilanziell gewinnbringender Deal mit Potenzial entpuppen.

 

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