Kommentar | Barça taucht ab in eine längst vergessene Welt

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Adios, Champions League. Der FC Barcelona muss im nächsten Jahr in der UEFA Europa League ran – die europäische Zweitklassigkeit ist Schmach und bittere Realität zugleich. Der Grund für den „Abstieg“ sind Jahre von schier unvorstellbarer Misswirtschaft. Xavi muss Barça nun von Grund auf neu aufbauen – doch es gibt Anlass zur Hoffnung.

Der FC Barcelona und der UEFA Cup – eine längst vergessene Epoche und Welt

Es war der 25. März 2004, als der FC Barcelona gegen Celtic Glasgow im heimischen Camp Nou nicht über ein 0:0 hinauskam (das Hinspiel in Schottland verlor Barça 0:1) und damit im Achtelfinale des UEFA Cup die Segel strich. Ja, die heutige Europa League hieß damals UEFA Cup, Gavi war noch gar nicht geboren und Joan Laporta gerade einmal ein paar Monate im Amt. Heute, fast 17 Jahre später, ist der FC Barcelona wieder dort, wo er eigentlich nie mehr hinwollte und wo er mit der von Barça mitinitiierten Super League auch nie mehr gelandet wäre. Doch die Europa League, die zweite Liga des internationalen Wettbewerbs, ist nun „Realität“, wie auch Xavi zugab.

Eine Epoche zwischen Glanz und Misswirtschaft

Dazwischen liegt die beste Phase der Vereinsgeschichte, aber auch Jahre von schier unvorstellbarer Misswirtschaft. Für die Ära des möglicherweise besten Teams aller Zeiten kann man sich heute nichts mehr kaufen, für die Fehler und fragwürdigen Entscheidungen von Sandro Rosell und Josep Maria Bartomeu zahlt Barça heute die Rechnung. Ein hoher Preis, der mit dem Aus in der Champions League einen weiteren Rückschlag beim Projekt Wiederaufbau bedeutet. Nicht nur finanziell, auch in puncto Prestige – Stichwort mögliche Neuzugänge, Stichwort neue Sponsoren – ist der Rausfall aus der Beletage des europäischen Fußballs mehr als nur eine Schramme.

Schonfrist hilft Xavi beim Neuaufbau

Auch für Xavi Hernandez, der zwar weder der Schuldige für die aktuelle Situation ist, noch derjenige, der sich komplett frei machen kann, bedeutet das einen ersten, wenn auch leichten Kratzer in seinem Antlitz. Er war aber derjenige, der gleich im Anschluss von einer der „harten Realität und neuen Ära“, vom Anspruch, die Europa League zu gewinnen, sprach und harte Korrekturen im Winter ankündigte. Die Schonfrist, die einer wie Xavi zurecht kriegt, wird ihm dabei helfen. Der im Sommer begonnene Neuaufbau muss weitergehen, was ohne Geld eine Herkules-Aufgabe sein wird. Kein Name darf nicht in Frage gestellt werden. Kein de Jong, ter Stegen oder auch kein Memphis, sofern sie benötigtes Geld in die Kassen spielen würden, kein Dembélé, sofern er den Vertrag nicht verlängert, auch keine Legenden wie Alba, Piqué oder Busquets. Über Spieler wie Coutinho muss man nicht mehr sprechen.

Barça braucht mehr Intensität – unbedingt!

Es wäre falsch, den Barça-Weg, das mittlerweile zum Unwort verkommene Tiki-Taka, zu verlassen – weil es viel mehr ist als nur Ballbesitzfußball. Es ist auch: gutes Positionsspiel, frühes Pressing. Doch Thomas Müller sprach im Anschluss bei DAZN aus, was während der 90 Minuten zu x-ten Male in Europa offensichtlich wurde: Barça fehlt die Intensität, die es braucht, um höchsten Ansprüchen zu genügen. Es war eine andere Welt, mit welchem Tempo Sané, Coman oder Davies auf die Gegenspieler zuliefen. Ein Mingueza, so ehrenwert seine Einstellung ist, hat nicht das Niveau, um dauerhaft mit den besten Spielern der Welt zu konkurrieren – insbesondere dann nicht, wenn das Kollektiv, wie damals bei beispielsweise bei Oleguer, das nicht auffangen kann. Barça muss peu à peu das Fundament wieder aufbauen – das ist Xavis Aufgabe, der das auch so erkannt hat, schließlich erklärte Xavi: „Wir fangen bei Null an. Jetzt beginnt die Arbeit.“

Nicht alles ist schlecht: Eine tolle Generation gibt Anlass zur Hoffnung!

Wenn Xavi von einer „neuen Ära“ spricht, dann tut er das nicht nur aus Optimismus. Bei aller Traurigkeit, die jeden Barça-Fan in Anbetracht der aktuellen Darbietungen umgibt, gibt es auch Anlass zur Hoffnung. Mit Araujo und Eric Garcia haben wir ein Duo, das Kraft und Spielintelligenz vereinen kann, wie einst Puyol und Piqué, mit Nico, Gavi, Pedri haben wir Mittelfeldtalente, die eine Generation, wie einst Xavi, Iniesta und Busquets, prägen können und mit Ansu Fati einen Offensivkünstler, der zwar nicht Messi ersetzen wird, aber um den Ballon d’Or kämpfen kann. Und auf eines kann und wird sich der Klub immer verlassen können: La Masia, wo weitere Talente wie beispielsweise Ilias Akhomach schlummern. Kluge Entscheidungen drum herum, wie in der ersten Ära unter Laporta mit smarten Verpflichtungen wie Rafa Marquez, Ludovic Giuly, Deco und damals aufstrebenden Stars wie Ronaldinho, können das Blatt schnell wenden. Dann wird das Frühjahr 2022, wenn die Blaugrana wie anno 2004 wieder in der zweitklassigen Europa League spielen muss, nur eine Zwischenstation zu neuem Glanz sein.

7 Kommentare

  1. ein grossartiger artikel,ganz grossen dank dafür ramon :good: auf solche beiträge warte ich in letzter zeit oft.
    es scheint auch sehr wenige echte barca fans hier zu geben,die schon vor 1992 erwachsen waren. davon ab,ist es echt eine traurige sache wie hier mittlerweile miteinander umgegangen wird,es wird nur gepöbelt und es finden leider keine sachlichen diskusionen mehr statt,auch das forum ist komplett tot,da werden lieber x-tausend unnütze beiträge in den kommentaren gepostet,sorry ich schweife ab.. mein geliebtes barca wird stark zurück kommen,bleibt gesund :good:

  2. Die Zeit vor Messi ist die Zeit nach Messi.
    Wenn sich die durchschnittliche Torausbeute mal eben schlagartig halbiert heisst das UEFA cup.

    Als Pep den Verein verlassen hat,hat er ihn in einer perfekten Ausgangslage übergeben.
    Top Team,Top Jugendarbeit ,so viel individuelle Klasse u somit Freiräume für Junioren,dass selbst nicht grossartig talentierte Spieler wie Pedri u Sergi glänzen u ihre Marktwerte nach oben treiben konnten..Es bedurfte nur punktueller Verstärkung von aussen- so dass man das ruinöse Wettrüsten u Geldverbrennen gar nicht mitmachen musste.
    Doch irgendwie machte man alles exakt andersrum.
    Die Tür für die Junioren wurde zugemacht u wenn immer ein anderer Verein sich im hirnlosen Geldverbrennen hervortat,so fühlte man sich in Barcelona berufen das umgehend zu toppen.
    Anstatt hunderte Millionen mit La masia Talenten zu verdienen ,hat hunderte von Millionen ausgegeben – wofür?

    Und was ist mit der Spielkultur geschehen?
    Wo ,wann u warum ist diese abhanden gekommen?
    Und was ist mit dem totalen Fussball Cruyffs passiert?
    Gehört zum totalen Fussball nicht auch Einsatz,Kampf u Physis u nicht nur snobistisches Ballgestreichel,
    weil man sich für die drecksarbeit zu fein ist?
    Trainiert man den Spielern grundsätzliche Eigenschaften wie Wille, Kampf u Torinstinkt ab um sie im ggzug zu brotlosen Passmaschienen abzurichten?
    Braucht totaler Fussball nicht auch den totalen Spieler u nicht nur jemand ,der die Kür kann aber nicht zur Pflicht in der Lage ist.
    Irgendwo muss der Grund liegen,warum Barca als einziges Spitzenteam so dermassen einbricht u so tief fällt.

  3. Nun ja, der Kommentar ist insofern gut als dass er sich nicht mit Taktik, Aufstellung und wenig sich mit Transferpolitik beschäftigt.

    Den Link zu Oleguer verstehe ich nicht was damit gemeint ist, Fakt ist, dass er ein bescheidener Katalane war der mit einer verrosteten Kiste zum Training kam, pünktlich, was sicher gut war für die Stimmung.

    Die letzt oft zitierte, fehlende „Intensität“ hat wenig mit Fitness- oder Konditionstraining zu tun. Klar liegt Catalunya im Süden und man ist nicht so verbissen wie im Norden.
    Trotzdem ist das klar ein mentales Problem und nicht nur auf der Spielerseite.
    Der Verein verheizt Spieler noch und nöcher die anderswo gut funktionieren. Der ganze Verein hat einen Komplex. Vom Präsi bis zum Platzwart. So kann auch auf dem Feld nichts gedeihen. Ausser Unkraut.

    • Hallo kubala, danke, dass dir der Kommentar grundsätzlich gefällt. Meine Referenz zu Oleguer darf ich dir kurz erklären: Ich sehe in ihm viel Parallelen zu Mingueza – ehrlicher Arbeiter, verlässlich, aber doch limitiert und auf Sicht nicht mehr als ein Kaderspieler. Im Gegensatz zu Mingueza war Oleguer über weite Strecken aber in einer funktionierenden Mannschaft ein ordentlicher Spieler, aber halt immer auch jener Spieler, wo man Verbesserungspotential sah – was dann ja auch mit Dani Alves kam. Paradoxerweise wird Dani nun wohl auch wieder die Lösung sein.

  4. Bravo für diesen Kommentar, Ramon! Die jetztige Situation erinnert mich stark an damals, 2004… Mal gucken, ob wir da wieder rauskommen… Bin da aber sehr optimistisch und vertraue Laporta und Xavi! Laporta hat es damals schon geschafft, also warum sollte er es diesmal nicht wieder schaffen? Xavi ist klug und weiß, was moderner Fussball bedeutet. Dem Kommentar mit der Tiki-Taka stimme vollkommen zu! Tiki-Taka heißt nicht nur Ballbesitz!!! Da gehört viel mehr dazu und das verstehen viele hier leider nicht ganz. Ich glaube sehr wohl. Xavi bewusst ist, dass wir aggressiver und vertikaler spielen müssen. Nicht ohne Grund verlangt er nach schnellen Flügelspielern wie Dembele und Fati. Dies ist auch der Grund, warum er weder Coutinho, noch Memphis, noch Demir außen spielen lässt. Die sind einfach zu langsam.

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