FC Barcelona gegen AC Mailand: Spielanalyse

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Bildquelle: fcbarcelona.com

„Was für eine Nacht!“, wird die katalanische Sportzeitung Mundo Deportivo am Morgen titeln, denn was der FC Barcelona gegen den AC Mailand ablieferte, war mehr als nur eine sehr starke Leistung. Die Katalanen drehten ein 0-2 Hinspielergebnis – was zuvor noch keinem Team in der Champions League gelungen war – und ziehen damit völlig verdient ins Viertelfinale ein.

 Jordi Roura und Tito Vilanova ließen folgende elf Spieler das Spiel beginnen:

Einwechslungen

74. Sánchez für Villa

77. Puyol für Mascherano

83. Adriano für Pedro

Taktik und Spielweise von Milan

Durch den 2-0 Hinspielsieg hatte der AC Mailand eigentlich die bessere Ausgangslage, was während des gesamten Spiels jedoch nicht den Anschein hatte. Trainer Massimiliano Allegri wusste, dass man sich nicht nur hinten hineinstellen kann, weil es so nur eine Frage der Zeit wäre, bis man sich Tore einfangen würde. Zudem würde die Entlastung fehlen, und fehlt diese, hat der Gegner noch mehr Zeit Druck aufzubauen. Aus diesen Gründen setzten die Mailänder nominell auf das selbe System wie im Hinspiel, also auf ein 4-3-3. Dieses war jedoch mehr ein 4-4-2 oder auch ein 4-5-1. Durch die drei Offensiven Boateng und vor allem über die beiden schnellen Niang und El Shaarawy wollte man immer wieder gefährliche Konter fahren, um das eine ganz wichtige und vielleicht vorentscheidende Auswärtstor zu erzielen. 

Damit dies gelingen konnte, musste aber zuerst einmal die Defensive sicher stehen. Wie bereits erwähnt parkte Milan nicht nur den Bus hinten, sie versuchten schon kurz hinter der Mittellinie zu pressen, um so möglichst schnell den Ball zu erobern, da man die Konter umso besser ausspielen kann, je näher man den Ball am gegnerischen Tor erobert. Die Mailänder versuchten defensiv ruhig zu spielen und nicht zu wild auf den ballführenden Spieler zu gehen, um kein zu hohes Risiko zu gehen. Die Milanisti gingen überlegt in die Zweikämpfe, teilweise waren es sogar nur Scheinzweikämpfe, so dass Barcelona auch ohne direkten Zweikampf kurz gestoppt wurde, da der ballführende Spieler den direkten Zweikampf und das damit einhergehende Risiko eines Ballverlustes nicht eingehen wollte. So konnte Milan zwar den ein oder anderen Angriff stoppen, den Ball bekamen sie aber nicht.

Im Hinspiel gelang es dem siebenmaligen Champions League Sieger noch sehr gut, Barcelona vom eigenen Sechzehner fernzuhalten, also den katalanischen Ballbesitz dorthin zu verlagern, wo es nicht wehtut. Aber genau das funktionierte im Rückspiel kaum noch. Barcelona spielte offensiv sehr gut und stellte die Gäste defensiv vor sehr große Probleme. Durch die hohe Position von Alves und die Positionstreue von Pedro hatte Barça während des gesamten Spiels die Möglichkeit, den Ball nach außen zu spielen und so die Abwehr der Mailänder nach außen zu ziehen. Das ist natürlich nicht der große Geniestreich schlechthin, schließlich praktizieren das viele Teams. Der Schlüssel dagegen ist, dass man die entstehenden Lücken durch die „Streckung“ der Abwehr mit aushelfenden Mittelfeldspielern füllt und somit dem Gegner keine Möglichkeit bietet, in diese Lücken hineinzustoßen. Allegris Team gelang aber eben dies nicht wirklich gut.

Die Mailänder hatten dauerhaft das Problem, dass sie sich um zu viele Gegenspieler gleichzeitig kümmern mussten. Außen mussten sie Alves/Pedro stören, aber auch die Mitte dichthalten, wo sich die ganze Zeit David Villa aufhielt. Dazu kamen noch Iniesta, Xavi, Alba und Busquets aus dem Rückraum. Milan konnte also nicht alle Lücken stopfen, die durch die „Streckung“ der Abwehr entstanden, weil dann einer der genannten Barça-Spieler zu viel Platz bekommen hätte und so einen gefährlichen Angriff hätte initiieren können.

Womit die Mailänder im Camp Nou auch nicht klar kamen, war Lionel Messi. Im Hinspiel konnte man Messi, welcher als „Falsche Neun“ agierte, sehr gut aus dem Spiel nehmen. Dies wurde erreicht, indem man den Argentinier schon zwischen den Linien attackierte, sprich: die Innenverteidiger rückten oft weit hinaus, um Messi schon früh zu stören und genau das gelang im Hinspiel sehr gut. Im Rückspiel funktionierte es aber nicht mehr, einfach aus dem Grund, dass Messi nicht der vorderste Spieler von Barcelona war. Vor ihm agierte David Villa, wodurch die Innenverteidiger Messi nicht zwischen den Linien abfangen konnten, sondern sich stets auch – oder zuerst einmal – um Villa kümmern mussten. Hätten sie das nicht getan, wären sie  das Risiko einer Großchance billigend eingegangen.

Es lag also am Mittelfeld der Milanisti, sich neben den katalanischen Mittelfeldspielern auch um Messi zu kümmern und das überforderte sie des Öfteren. Es war teilweise erstaunlich und erschreckend, wie viel Platz und auch Zeit Messi zur Verfügung hatte, ohne gestört zu werden. Aber auch Xavi und Iniesta hatten phasenweise sehr viel Platz und wenn man diesen Spielern Platz gibt, dann wird man in der Regel auch bestraft und genau das geschah in diesem Spiel.

Offensiv war der AC Mailand kaum präsent, die Konter wurden fast nie sauber zu Ende gespielt und die entscheidenden Zweikämpfe in der Nähe von Barcelonas Strafraum wurden fast alle verloren. Da der Gastgeber mit einer Dreierkette spielte, versuchte Milan es verständlicherweise vor allem über die Außen, aber Barcelona war auch hier insgesamt sehr stabil, wodurch die Gäste nur zu drei wirklich guten Aktionen kamen.

Nach einer halben Stunde hatte ElShaarawy auf außen etwas Platz und schaffte es, sich im Zweikampf gegen Gerard Piqué durchzusetzen, sein Schuss war aber kein Problem für Víctor Valdés. Kurz darauf hatten die Gäste ihre mit Abstand beste Chance im Spiel und wenn sie diese genutzt hätten, wäre das Spiel wohl ganz anders gelaufen. Montolivo schlägt aus dem eigenen Strafraum einen langen Ball nach vorne, vielleicht war es geplant, vielleicht auch nur ein Befreiungsschlag. Diesen Ball will Mascherano per Kopf an der Mittellinie klären, verschätzt sich aber, wodurch der erst 18-jährige Niang ganz alleine auf Valdés zulief, aber am Ende nur den Pfosten traf. Nur nochmal zur Erinnerung, wenn dieser Ball im Tor gelandet wäre, dann hätte Barça drei weitere Tore (es stand zu dem Zeitpunkt 1-0) gebraucht.

In der Schlussphase wurde Milan offensiver, schließlich brauchten sie noch ein Tor. Sie störten früher und versuchten irgendwie in den Strafraum zu kommen, was Barcelona aber meistens gut verhinderte. Lediglich ein weiteres Mal wurde es gefährlich, als Bojan Krkic rechts außen Piqué umspielte und einen scharfen Ball ins Zentrum spielte, den Jordi Alba aber noch vor Robinho klären konnte.

Mailand konnte in diesem Spiel nicht überzeugen und war deutlich schwächer als im Hinspiel, was aber auch an einem viel stärkeren Gegner lag. Defensiv schafften es die Gäste im gesamten Spiel nicht wirklich, sich auf Barcelonas Spiel einzustellen und diese vor größere Probleme zu stellen. Offensiv fehlte die Präzision und – durch das Bewusstsein, wie schwer man sich defensiv tat – auch der Mut mehr nach vorne zu tun.

Taktik und Spielweise von Barcelona

Barcelona passte sich den gegebenen Umständen – also dem Hinspielergebnis und dem erwartet defensiven, wenn auch nicht nur mauernden Gegner – an. Die Katalanen setzten auf eine Dreierabwehrreihe bestehend aus Gerard Piqué, Javier Mascherano und Jordi Alba. Sergio Busquets half natürlich auch immer wieder aus, was bei so einer schon riskanten Aufstellung aber auch nötig ist. Dani Alves agierte als rechter Flügelstürmer, während Pedro links außen spielte. Beide sollten dem Spiel die nötige Breite geben und die gegnerische Abwehr auseinanderziehen, so dass die nachrückenden Spieler mehr Platz und Lücken vorfinden können. Messi war, wie bereits erwähnt, nicht Barcelonas vorderster Stürmer, da vor ihm noch David Villa spielte, um die Innenverteidiger von Milan zu beschäftigen und von Messi fernzuhalten.

Defensiv zeigten die Katalanen ein insgesamt sehr gutes Spiel. Bis auf den groben Schnitzer von Mascherano und dem darauffolgenden Pfostentreffer von Niang ließ man keine Großchance zu und arbeitete sehr gut gegen den Ball. Das führt uns schon zu einem der wichtigsten Elemente in diesem Spiel und einem der Hauptgründe für den Sieg und das Weiterkommen. Nachdem Barcelona in der letzten Zeit viel für das schwache oder auch nicht vorhandene Pressing kritisiert wurde – und das auch zu Recht – so zeigten sie gegen den AC Milan wieder ein richtig gutes Pressing. Jeder Spieler beteiligte sich am Spiel gegen den Ball und störte die italienischen Gäste schon an deren Strafraum. Dadurch verhinderte man ein geordnetes Aufbauspiel der Mailänder und gewann auch einige Male den Ball in gefährlichen Zonen zurück, so auch beim 3-0. Milan will den Ball nach vorne spielen, aber Mascherano wirft sich sehr gut in diesen und leitet somit das Tor von David Villa ein. Auch beim Treffer zum 2-0 war das Pressing der „Einleiter“: Iniesta, der mit Mascherano zusammen die meisten „Tackles“ im Spiel hatte, nahm Abrosini den Ball ab und gab ihn dann zu Messi, welcher den numerischen Ausgleich erzielte.

Es war Iniestas vielleicht defensivstärkstes Spiel, aber nicht nur er, sondern auch alle anderen Spieler rannten unglaublich viel und arbeiteten defensiv klasse mit. Auch Messi, welcher ja meist vom Pressing befreit ist, war gegen Milan sichtbar engagiert und gewann auch einige Bälle zurück. Eine Szene, die sehr gut verdeutlicht wie sehr Barça auf die Defensive achtete, ist jene, in der Niang den Pfosten traf. Der Spieler, der am nächsten an Niang dran war und danach den Zweikampf mit Boateng aufnahm, war Pedro, der Außenstürmer von Barcelona. Hervorheben sollte man noch Sergio Busquets, der 13 Bälle – und damit die meisten in diesem Spiel -zurückgewann und zudem als einziger Spieler auf dem Platz keinen Ball verlor.

Aber nicht nur defensiv spielte Barcelona mit sehr viel Intensität, auch offensiv war das der Fall. Die Katalanen agierten sehr ballsicher und zeigten auch den nötigen Zug zum Tor, den man braucht, um solch ein Spiel zu gewinnen. Es war selten ein träges Ballgeschiebe, meistens spielte Barça dynamisch und hatte einen Angriffsplan. Man zog das Spiel auseinander, versuchte die entstehenden Lücken zu nutzen und kam so zu einigen gefährlichen Situationen. Dies war auch einer der Gründe, warum Mascherano für den angeschlagenen Puyol spielen durfte, wie Jordi Roura nach dem Spiel bestätigte. Der Argentinier ist durch seine präzisen, strammen Pässe sehr hilfreich bei der Spielverlagerung. Diese hat er Puyol voraus und so war es Barcelona möglich das Tempo hochzuhalten, selbst wenn die Innenverteidiger am Ball waren. Als später Puyol für Mascherano kam, merkte man ganz gut, dass der Ball langsamer lief, wenn der Kapitän am Ball war, was aber auch am offensiveren Milan lag. Zudem sollte Puyol das Spiel ja auch beruhigen und dabei mithelfen das Ergebnis zu halten.

Dani Alves zeigte eine insgesamt sehr gute Leistung. Der Brasilianer war immer anspielbar und gab dem Spiel die nötige Breite. Er war zudem sehr ballsicher – auch wenn er manche Bälle verlor – und rieb sich immer wieder in Zweikämpfen auf. Er versuchte auch öfter in den Strafraum zu flanken, allerdings nicht unbedingt erfolgreich. Dass in diesem Spiel dennoch sehr viele Flanken gefährlich wirkten, lag aber auch an David Villa; dazu später mehr. Auch defensiv half Alves immer wieder mit aus, wofür er wie so oft ein unglaubliches Laufpensum abspulen musste, was er aber mit Bravour tat.

Pedro auf der anderen Seite hielt konstant seine Position und gab dem Spiel – ebenso wie Alves – die Breite, die Barcelona braucht. Mit dem Ball war sein Spiel aber alles andere als optimal. Er konnte sich kaum einmal in gefährliche Situationen bringen und auch der finale Pass kam in den wenigen Situationen, in denen er ihn spielen konnte, nicht an, wenn auch nur knapp. Dennoch machte er ein insgesamt ordentliches Spiel, aber er kann noch viel besser spielen. Zudem half er seinem Team dabei das Leder laufen zu lassen und verlor nicht allzu viele Bälle. Seine Defensivarbeit wie gewohnt wertvoll. Nach dem 3-0 wurde er etwas nach hinten gezogen, wohl um keinen so weiten Weg zum eigenen Tor zu haben. Durch seine ganze Defensivarbeit hat er, wie auch Alves, sehr viel Laufaufwand betrieben, weshalb man ihn nicht weiterhin die ganze Seite beackern lassen wollte.

Kommen wir zum Schluss noch zu einem weiteren mitentscheidenden taktischen Aspekt: Der Position von David Villa. Der Spanier agierte vor Lionel Messi, sodass Milans Innenverteidiger diesen nicht zwischen den Linien abfangen konnten, da sie sich um Villa kümmern mussten. Villas Spiel mit dem Ball war insgesamt bemüht, aber größtenteils glücklos. Dennoch machte er alles in allem ein sehr gutes Spiel, was vor allem in Spanien sehr anerkannt wurde nach dem Schlusspfiff. Seine Bewegungen ohne den Ball und seine Laufwege waren enorm wichtig für das Offensivspiel von Barcelona. Er verschaffte Barcelona immer wieder an den richtigen Stellen Platz, meistens im Zentrum, teilweise aber auch etwas weiter außen. So war es nach fünf Minuten auch Villa, der Mexes blockte und somit Messi den Platz verschaffte, den er benötigte, um das 1-0 zu erzielen.

Auch sehr interessant war seine Rolle bei den Flanken von Dani Alves. Villa orientierte sich meistens am ersten Pfosten, wohin ihm auch mindestens ein Innenverteidiger folgte. Dadurch entstand im restlichen Strafraum aber mehr Platz für die nachrückenden Spieler von Barcelona, wodurch einige Flanken von Alves zumindest gefährlich wirkten. Eine wurde auch sehr gefährlich und auch hier war sehr gut zu sehen, wie Villa die Innenverteidiger auf sich zog und seinen Teamkameraden damit Platz verschaffte. Am Ende dieser Aktion stand eine Doppelchance von Iniesta, dessen Schuss Abbiati an die Latte lenken konnte, und Messi, der per Kopf nur das Außennetz traf.

Villas Tor war schließlich die Belohnung für die harte Arbeit, die er erledigte, ohne spielerisch für Glanzpunkte sorgen zu können. Viele realisieren womöglich gar nicht, wie sehr Villa Barcelona geholfen hat, aber sein Spiel ohne Ball war einfach exzellent und hat dafür gesorgt, dass Barça zu einigen guten Chancen kam. Bei dem Tor selbst wartete er lange, um nicht ins Abseits zu laufen und nachdem Constant den Pass von Xavi verfehlte, war es für Villa ein Leichtes, den Ball mit links in die lange Ecke zu schießen.

Unter dem Strich gewinnt Barcelona verdient, auch in dieser Höhe gegen den AC Mailand und steht nun im Viertelfinale der Champions League. Im Hinspiel neutralisierte Milan die Katalanen sehr gut und nutzte die eigenen Chancen eiskalt. Im Rückspiel aber zeigte Barcelona, wozu sie fähig sind, auch dank einiger taktischer Änderungen – wie der Positionierung von Villa und dem wiedergekehrten Pressing. Das Beachtlichste an dieser Leistung ist aber wohl, dass sie ohne den Cheftrainer abgerufen wurde.

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