Spielanalyse: Manchester United – FC Barcelona

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Ein weiteres Mal konnte der FC Barcelona ein Spiel nicht in der regulären Spielzeit siegreich für sich gestalten. Das begründet zwar zunächst keinen Grund zur Beunruhigung, zeigt aber ganz deutlich, wo Verbesserungsbedarf vorhanden und in welchen Bereichen das Spiel der Katalanen noch defizitär ist. Wenn sich der Gegner in der strukturierten Verteidigungshaltung befindet und die Ketten vor den Strafraum “parkt”, erarbeitet sich die Mannschaft praktisch keinerlei Torchancen. Zu sehr wird auf den “Faktor Messi” gesetzt und zu ausrechenbar ist dieses Vorgehen. Es gibt aber auch Positives zu berichten: Das Pressing und das Gegenpressing funktionieren hervorragend und auch das Konterspiel vermag zu überzeugen. Lediglich unmittelbar vor dem Strafraum fehlt noch die Besonnenheit für den entscheidenden Pass.

Auf drei Positionen verändert

2:0 lautete das Ergebnis nach dem Elfmeterschießen gegen Manchester United. Eineinhalb Stunden haben beiden Mannschaften nicht gereicht, um ein Tor zu erzielen. Im Vergleich zum Spiel gegen Paris St. Germain veränderte Tito Vilanova die Mannschaft geringfügig. Für den jungen Außenverteidiger Planas rückte der wiedergenesene Adriano in die Startformation, Rafinha musste seinen Platz in der Startelf an Welt- und Europameister Iniesta abgeben und auch Affelay musste sich zunächst mit einem Platz auf der Bank begnügen. Für ihn rückte Tello in die Mannschaft und bekleidete seine angestammte Position, den linken Flügel. Ansonsten nahm Tito Vilanova keinerlei Veränderungen im Kader vor, auch beim System wagte Vilanova gegen diesen starken Gegner keine Experimente und setzte auf das altbewährte 4-3-3.

Mittelfeldpressing gegen ein Angriffspressing

In der ersten Halbzeit sah Vilanova ein sehr intensives Spiel von beiden Mannschaften. Sowohl Alex Ferguson als auch der Trainer des FC Barcelona haben ihre Spieler angewiesen, das Spiel ernst zu nehmen und die Möglichkeit zu nutzen, ihr Können gegen einen der stärksten verfügbaren Gegner auszutesten. Die Zweikämpfe wurden mit der nötigen Härte geführt und auch die Räume wurden von beiden Mannschaften durch einen sehr hohen Laufaufwand eng gemacht. Die Vorgaben, die Ferguson seinen Spielern auf den Weg gegeben hat, wurden auf dem Spielfeld relativ früh ersichtlich. Beim geordneten Spielaufbau wurde vor allem der Weg über die Außen gesucht, um sodann Flankenbälle auf die im Zentrum lauernden Stürmer zu schlagen. Entweder wurde versucht, auf den Außenbahnen eine Überzahlsituation zu generieren, oder aber es wurden vom Mittelfeld aus lange diagonale Flanken auf die gegenüberliegenden Außenläufer gespielt. Zwei bis drei Mal waren die Engländer mit diesem Vorgehen erfolgreich, erwähnenswerte Torchancen ergaben sich hieraus freilich nicht. Wenn die Blaugrana zu einem strukturierten Spielaufbau ansetzte, hat Alex Ferguson seine Spieler angewiesen, das Aufbauspiel der Katalanen bereits im Mittelfeld zu unterbinden und ein Mittelfeldpressing zu praktizieren. Ein Mittelfeldpressing hat im Gegensatz zu einem Angriffspressing den Vorteil, dass man einen Ballgewinn in eine sehr günstigen Position auf dem Feld generieren kann, ohne seine Grundordnung zu gefährden und Gefahr zu laufen, ausgekontert zu werden. Die Wege der das Mittelfeldpressing praktizierenden Spieler sowohl nach vorne als auch nach hinten sind relativ kurz, sodass ein schnelles Einschreiten sowohl in die eine als auch in die andere Richtung möglich ist.

Der FC Barcelona dagegen präferiert seit jeher ein reines Angriffspressing, was auch im gestrigen Spiel wieder in einer unglaublichen Vollkommenheit zu bewundern war. Immer wieder wurde Manchester United bereits im ersten Spielfelddrittel beim Spielaufbau unter Druck gesetzt und zu Fehlern provoziert. Im Vergleich zum Mittelfeldpressing hat diese Art des Pressings den Vorteil, dass der Ballgewinn in einem für den Gegner noch gefährlicheren Areal auf dem Spielfeld erfolgt, nämlich unmittelbar in Strafraumnähe. Dementsprechend wurde es für ManU stets sehr gefährlich, wenn die Katalanen koordiniert und zielgerichtet ausrückten. Es gibt kein Team auf der Welt, das so häufig zum Angriffspressing ansetzt wie die Katalanen, und selbst wenn sie sich in der Phase der Erholung befinden, halten sie durch ein sogenanntes Scheinpressing das Bewusstsein des Gegners, unter permanentem Druck zu sein, aufrecht, indem ein Spieler(gestern z.B. Sergi Roberto) rausrückt und dem Gegner nur die Illusion vermittelt, dass wieder eine extreme Drucksituation bevorsteht. Aus dieser Spielart resultierten die meisten und die größten Tormöglichkeiten für die Blaugrana, dicht gefolgt von den Kontern, die vorgetragen von einem spielfreudigen Messi innerhalb kürzester Zeit vor den Strafraum des Gegners führten. Ebenfalls gut funktionierte das Gegenpressing, also das Verhalten nach Ballverlust im eigenen Angriff. Einer Mannschaft stehen bei Ballverlust im dritten Spielfelddrittel genau zwei Verhaltensoptionen zur Verfügung. Entweder sie zieht sich komplett zurück und gibt die Spieler geben ihre systematisch hohe Stellung auf oder aber sie setzt sofort zum Pressing gegen den ballführenden Spieler an, um den Ball wieder zurückzuerobern. Letzteres hat den Vorteil, dass man erstens die günstige Angriffsposition beibehält und zweitens den Gegner im Moment der Um- und Unordnung erwischt, mithin in einer Phase, in der eine perfekte Raumverteilung nicht gegeben ist.

Die Katalanen nur in Un- und Umordnungsphasen stark

So gut der FC Barcelona diese Methoden auch internalisiert, und so gut er die beim gestrigen Spiel auch umgesetzt hat, gibt es dennoch Anlass zur Rüge. Sobald der Gegner seine Ordnung gefunden hat, wird das Spiel der Katalanen relativ zäh. Das gilt insbesondere für den Fall, in dem er seine Ketten dicht gestaffelt vor seinen Strafraum setzt und gut in Richtung ballführenden Spieler verschiebt. Verstärkt wird dies noch dadurch, wenn er einen Spieler herausrücken und der Blaugrana damit wenig Zeit lässt, den nächsten Spielzug vorzubereiten. Dann kommt vom FC Barcelona bis auf die ewigen horizontalen Ballstaffetten recht wenig. Zu sehr ist die Mannschaft in diesen Situationen von den Antritten und den Geistesblitzen von Lionel Messi abhängig. Auch Lionel Messi stößt bei vier Gegenspielern an seine Grenzen und kann keine freien Räume auf dem Feld aus dem Ärmel schütteln. Vielmehr sind auch die anderen Spieler angehalten, mehr Bewegung an den Tag zu legen, allem voran auch mal vertikal zu laufen und mehr Zug zum Tor zu entwickeln. Es hat sich damit also ein Problem aufgetan, das auch im Champions League Halbfinale gegen Chelsea offenkundig geworden ist. Der Erfolg in der nächsten Saison wird maßgebend davon abhängen, inwieweit der FC Barcelona in der Lage sein wird, ein Mittel gegen tiefstehende Gegner zu finden. Denn stellen wir uns einen Gegner vor, der nur zögerlich auf Konter spielt und nicht wie ManU versucht, auch das eigene Offensivspiel zu beleben. Solchen Gegnern wird der FC Barcelona in der nächsten Saison wohl häufiger begegnen, Gegner, welche die Spielart von Chelsea einfach adaptieren und sich auf eine zerstörerische Grundhaltung beschränken werden in der Hoffnung, dass ihnen ein ungeahntes Glücksmoment zuteil werde. Vilanova steht also in der Verantwortung, Lösungsstrategien zu entwickeln und die Spieler auf diese Gegner bestmöglich vorzubereiten. Es würde den Rahmen sprengen, an dieser Stelle auf die möglichen Lösungen für diese Problematik einzugehen. Hierzu wird ein gesonderter Artikel erscheinen.

Die zweite Halbzeit war geprägt durch zahlreiche Auswechselungen auf Seiten der Blaugrana. Tito Vilanova gab jedem Spieler die Chance, sich zu beweisen und wechselte demnach kräftig durch. Puyol, Tello, Messi, Sergi Roberto, Valdes und Iniesta blieben in der Kabine und machten Platz für Pedro, Fabregas, Pique, Pinto, Affelay und Xavi. Fabregas agierte fortan als falsche Neun und machte seine Sache gut. Immer wieder machte er den Laufweg in den Strafraum und ließ Gefahr für den Gegner aufkommen. Im Verlauf der zweiten Halbzeit gab dann auch Jordi Alba sein Debüt für die Katalanen und ersetzte den soliden, aber im Abschluss glücklosen Adriano. Neben ihm wurden auch noch Bartra, Rafinha und Montoya Einsatzzeiten gewährt. Auch Manchester United hielt sich bei den Wechseln nicht zurück und brachte unter anderem Kagawa. Damit hatte die zweite Halbzeit eher ein Testspielcharakter, wogegen der erste Durchgang der Simulation des Ernstfalles gewidmet war.

Fazit

Eine sehr aufschlussreiche Partie für den FC Barcelona. Sie hat Tito Vilanova gezeigt, was bereits funktioniert und wo die Mannschaft sich noch weiter steigern muss. In Um- und Unordnungsphasen weiß die Blaugrana durchaus zu gefallen und erarbeitet sich gute Tormöglichkeiten. Wenn der Gegner aber seine Grundordnung wiedererlangt hat, ist das Vorgehen der Katalanen aber noch zu überschaubar. Hier muss Vilanova unbedingt noch einmal ansetzen. Grund zur Freude gibt es über das Debüt von Jordi Alba, der bereits in einigen wenigen Aktionen angedeutet hat, was für ein Rohdiamant er ist. Aus ihm kann Vilanova einen Spieler formen, der die Gegner vor große Herausforderungen stellt.

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