De Jong, Mingueza, Umtiti, Busquets: Das sind Koemans Alternativen nach Piqués Verletzung

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Nach der schweren Verletzung von Gerard Piqué müssen der FC Barcelona und Trainer Ronald Koeman eine langfristige Alternative für den Abwehrchef finden. Wir beleuchten Koemans verschiedene Innenverteidiger-Optionen mitsamt ihren Vor- und Nachteilen.

Nachdem Abwehrchef Gerard Piqué beim 0:1 bei Atlético Madrid eine schwere Verletzung im rechten Knie erlitt und den Katalanen monatelang fehlen wird, muss Trainer Ronald Koeman Alternativen für die Innenverteidigung finden. So steht der Blaugrana aktuell in Clément Lenglet nur ein erfahrener und gelernter Innenverteidiger zur Verfügung. Es wird interessant zu sehen sein, welche Alternative Koeman langfristig wählen wird. Wir blicken auf die Situation auf der Innenverteidigerposition beim FC Barcelona und beleuchten Koemans verschiedene Optionen.

Frenkie de Jong: Die spielerische Option

Frenkie de Jong ist im Augenblick die offensichtlichste Wahl als Ersatz für Piqué. Bereits in einigen Partien, beispielsweise nach Piqués Roter Karte im ersten Spiel gegen Kiew und im darauffolgenden Spiel bei Juventus, besetzte de Jong die Position neben Lenglet und machte seine Sache ordentlich, wenngleich er gegen Kiew einen Schnitzer im Spiel hatte, mit welchem er dem Gegner eine gute Chance eröffnete. Auch in Turin köpfte er einen Ball unzureichend vor die Füße Juan Cuadrados, doch bei dessen Hereingabe stand Alvaro Morata anschließend hauchzart im Abseits. In klassischen Verteidigungssituationen im Strafraum ist de Jong naturgemäß nicht immer sattelfest.

Für den jungen Spielmacher spricht jedoch, dass er – trotz seiner nicht optimalen Körpergröße von 1,81 Metern – 1,5 Kopfballduelle pro Spiel gewinnt. Laut den Statistiken von WhoScored ist er damit der drittbeste Barça-Akteur in dieser Kategorie. Darüber hinaus ist er wie Piqué ein Rechtsfuß, verfügt über einen sehr guten Spielaufbau und kann die Bälle auch aus der tieferen Position verteilen.

Gegen de Jong spricht allerdings, dass er, obwohl er in der Jugend als Innenverteidiger ausgebildet wurde, diese Position zuletzt nur noch aushilfsweise bekleidet hat, und wenn dem bei seinem alten Verein Ajax Amsterdam mal der Fall war, sahen seine Zahlen auch nur selten gut aus. In der Saison 2017/18 spielte der damals 20-Jährige zwölfmal als Innenverteidiger beim niederländischen Rekordmeister. In diesen zwölf Spielen hielt Ajax nur viermal die Null und kassierte unter anderem die damals höchste Saisonniederlage – ein 0:3 gegen den Rivalen PSV Eindhoven. 

Zudem ist de Jong ein wichtiger Baustein im Koemanschen Mittelfeld. Diesen Baustein wird der niederländische Coach nur ungern aus der Schaltzentrale entfernen wollen.

Araújo als natürlicher Stellvertreter

Ronald Araújo ist die naheliegendste Option, Piqués fester Stellvertreter zu werden. Nach seiner Muskelverletzung arbeitet Araújo am Comeback, das Training hat der 21-Jährige bereits aufgenommen. Für einen Einsatz gegen Osasuna (Sonntag, 14 Uhr im Liveticker auf Barçawelt) steht er noch nicht zur Verfügung, in der Woche drauf beim Ligaspiel in Cadiz könnte der Uruguayer aber wieder einsatzfähig sein. Koeman tut gut daran, eine Rückkehr nicht zu forcieren, da so seine Muskelverletzung bei Überbelastung sehr schnell wieder aufbrechen kann.

Als gelernter Innenverteidiger ist Araújo – im Gegensatz zu de Jong – auch eine natürliche Wahl als neuer Nebenmann Lenglets, auch deswegen, weil er mit 1,91 Metern über Gardemaß verfügt. Araújos größter Vorteil ist sein enormes Tempo – trotz dieser Körpergröße. In der Partie gegen Alavés in der Vorsaison wurde der 21-Jährige mit 34,9 km/h gemessen – der Topwert aller Innenverteidiger der spanischen Liga in der Saison 2019/20. Seine Schnelligkeit ist daher auch sein großer Trumpf, angesichts Barças hoher Abwehrlinie tut gerade dieser der Hintermannschaft künftig äußerst gut.

Künftig wird der 21-Jährige im Spielaufbau zudem eine prominentere Rolle einnehmen müssen. Seine Passquote in der aktuellen Saison liegt laut WhoScored bei starken 90 Prozent. Allerdings ist diese Statistik ein wenig trügerisch, da in jeder Partie sein Innenverteidigerpartner mehr Ballaktionen hatte als der junge Uruguayer, der angesichts der Rangordnung eher die Sicherheitsvariante wählte. Sobald wieder fit, sollte er neben Lenglet eigentlich gesetzt sein.

Busquets: Die routinierte Alternative

Die Option Sergio Busquets scheint zunächst einmal überraschend, ist aber gar nicht so abwegig. Wenn man Piqué und Busquets vergleicht, fällt einem sofort auf, dass beide sehr ähnliche Verteidigungswerte aufweisen. Sie verzeichnen beide um die 1,3 Tacklings pro Spiel, haben zwei abgefangene Pässe pro Partie und die Passquoten der zwei La-Masia-Absolventen liegen im 90-Prozent-Bereich.

Der 32-jährige Mittelfeldmotor ist insgesamt 17-mal als Innenverteidiger für Barça und die Spanische Nationalmannschaft aufgelaufen und kann auch aus der tieferen Position heraus das Spiel der Blaugrana hervorragend mitgestalten. Fraglich ist jedoch, ob der Routinier die tiefere Rolle zu Koemans Zufriedenheit ausfüllen würde, ohne dabei zu hoch ins Mittelfeld vorzurücken und somit Räume für gegnerische Konter zu öffnen.

Stichwort Konter: Busquets‘ Langsamkeit ist natürlich ein großes Problem. Schon Piqué ist nicht der Schnellste, doch Busquets ist der wahrscheinlich mit Abstand langsamste Spieler im Kader der Blaugrana, die Konterunterbindung beim Umschaltspiel im Rückwärtsgang wäre bei seiner Besetzung die Hauptsorge. Dafür sind seine Routine und Antizipation gegen den Ball seine großen Stärken. Und: Im Mittelfeld wäre er durchaus verzichtbar, schließlich stehen hier de Jong und Pjanic für die Doppelsechs bereit, dahinter scharen Carles Aleña und Riqui Puig mit den Hufen.

 

Samuel Umtiti: Das Sorgenkind

Er wird gerne vergessen oder übersehen, aber auch Samuel Umtiti gehört noch zum FC Barcelona. Der Franzose konnte jedoch nach seiner Verletzung im Jahr 2018 nicht mehr ansatzweise an seine vorherigen Leistungen anknüpfen. Umtiti ist seit einem halben Jahr verletzt, so lange macht ihm sein lädiertes Knie schon zu schaffen. „Er steht seit Juni nicht mehr auf dem Platz, das sind fünf, sechs Monate. Es dauert, bis man das aufholt, bis er uns helfen kann“, sagte Koeman angesprochen auf den Franzosen jüngst. 

Seit mehreren Wochen ist der Weltmeister wieder im Aufbautraining, absolviert auch schon Übungen mit der Mannschaft. Auf der Pressekonferenz vor der Partie in Kiew sagte Koeman, dass er hoffe, Umtiti sei in zwei Wochen wieder einsatzbereit. „Er trainiert gut, er macht quasi alles mit, was die Mannschaft tut. Hoffentlich können wir in zwei Wochen auf ihn setzen“, so Koeman. Die Frage wird dann nur sein, welche Leistungen der Weltmeister nach seiner fünfmonatigen Verletzungspause abrufen können wird und wie lange es dauert, bis er wieder eine echte Option für die Innenverteidigerposition sein wird.

Óscar Mingueza überzeugt beim Debüt

Da Frenkie de Jong für die Champions-League-Partie bei Dynamo Kiew nicht in den Kader berufen wurde, kam Barça-B-Akteur Óscar Mingueza zu seinem Debüt in der ersten Mannschaft. An der Seite von Lenglet zeigte der 21-jährige Katalane, der alle Jugendmannschaften von La Masia durchlief und in der Saison 2017/18 die UEFA Youth League gewann, einen starken Auftritt. Er war ruhig am Ball und rettete zweimal in höchster Not im eigenen Strafraum. Das bescherte ihm ebenso eine gute Bewertung von Barçawelt.

Die Stärken des Rechtsfuß liegen generell im Spielaufbau, und hier vor allem in seinem sicheren Passspiel. Trotz seines „fortgeschrittenen“ Alters besitzt er noch immer den Stereotyp eines klassischen Jugendspielers. Er ist technisch sehr beschlagen, doch vor der Partie in Kiew sah es so aus, als fehle ihm noch die Physis, um als Innenverteidiger auf höchstem Niveau mithalten zu können – am Dienstag war von diesem Defizit jedoch kaum etwas zu sehen. Mingueza dürfte so gegen Osasuna am Sonntag eine weitere Bewährungschance erhalten, da Araujo aller Voraussicht nach noch nicht einsatzfähig sein dürfte.

Junior Firpo: Die Überraschungsoption

Eine wahre Überraschung könnte Junior Firpo darstellen. Der Ex-Betis-Akteur tut sich nach wie vor schwer, bei Barcelona Fuß zu fassen, in seinen Einsätzen als Linksverteidiger wusste der 24-Jährige nur selten zu überzeugen. Oft merkte man ihm Nervosität und Unentschlossenheit an, wenn er Jordi Alba auf links vertreten durfte.

Piqués tragische Verletzung könnte nun plötzlich die Chance darstellen, sich auf einer anderen Position unerwartet in der Vordergrund zu spielen. Denn Koeman stellte Firpo zum Ende der Partie bei Dynamo Kiew für die Schlussphase sogar in der Innenverteidigung auf, nachdem der Niederländer Lenglet aus Schonungsgründen ausgewechselt hatte. In der Tat könnte eine Umschulung Firpos Sinn machen, denn der ehemalige spanische U-Nationalspieler ist schnell, athletisch und auch ballsicher – und bringt so Attribute mit, die der Blaugrana-Zentrale äußerst gut zu Gesicht stehen. 

Es könnte eine Weile dauern, bis er sich an die Position gewöhnt und gerade Dinge wie das defensive Stellungsspiel verinnerlicht, allerdings ist es auch nicht völlig abwegig, ihn des Öfteren in der Zentrale auszuprobieren – gerade in Heimspielen gegen kleinere Teams, bei denen Barça sehr hoch steht und mehr denn je Schnelligkeit in der Hintermannschaft benötigt. So könnte Firpo als Linksfuß situativ sogar Lenglet die ein oder andere Verschnaufpause verschaffen.

Ramos Mingo: Der unerfahrene Außenseiter

In Santiago Ramos Mingo gibt es noch ein Talent von Barça B, das zur Not eingesetzt werden könnte. Der Argentinier wechselte im Winter 2020 von den Boca Juniors zur zweiten Mannschaft Barcelonas, kam in der Rückrunde der Saison 2019/20 jedoch noch überhaupt nicht zum Einsatz, da er in der Hackordnung bei Barça B nur Innenverteidiger Nummer 5 hinter Ronald Araujo, Oscar Mingueza, Jorge Cuenca und Chumi (beide nicht mehr im Verein) war. Nach dem Abgang von Cuenca und Chumi in diesem Sommer ist Ramos Mingo aktuell bei Barça B gesetzt – doch es fehlt ihm an Spielpraxis und Routine, da er bislang insgesamt lediglich fünf Partien für die Blaugrana in der dritten Liga absolviert hat.

Unter Ronald Koeman durfte und darf Ramos Mingo zwar ab und zu bei den Profis mittrainieren, er ist aber der deutliche Außenseiter auf Einsatzzeiten in Piqués Absenz und eher der absolute Notnagel von allen genannten Ersatzmännern.

 

Patryk Kubocz / Alex Truica

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