Frenkie de Jongs Anpassungsprobleme: Die Gründe für seinen Stotterstart

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Frenkie de Jong hat beim FC Barcelona mit Anpassungsproblemen zu kämpfen. Der niederländische Neuzugang gibt zu, dass er noch keine guten Leistungen gezeigt hat. Doch es gibt gute Gründe, warum der Stotterstart zwischen de Jong und Barça bald beendet werden könnte. 

Die Erfolgsgeschichte war bereits vorgeschrieben: Frenkie de Jong, der Mann, der in den letzten Saisons die Herzen nahezu aller Fußballfans mit seinen Dribblings, seiner Pressingresistenz und seiner unbekümmerten Spielweise eroberte, wechselte in diesem Sommer zu seinem vermeintlichen Herzensverein FC Barcelona.

Nach drei Spielzeiten bei Ajax Amsterdam in der Eredivisie schien er endgültig bereit für den Schritt zu einem der Topklubs Europas. Die langjährige Freundschaft und ähnliche Spielphilosophie der beiden Vereine ließ das ganze nur noch romantischer wirken. 

In Amsterdam war man sich sicher, dass der Niederländer bei den Katalanen in besten Händen ist. Man wirkte gar froh, dass de Jong zu Barcelona gewechselt ist und nicht zu einem anderen Topverein.

Und bei Barça? Dort warteten Spieler, Trainer und Fans sehnsüchtig auf einen wie ihn: Einen kreativen, unbekümmerten Mittelfeldspieler, der eine riskante Spielweise mit überragender Entscheidungsfindung verbindet. 

De Jong sollte Leben in das teils schläfrige Barça-Mittelfeld verbringen, welches – so der Vorwurf – Sicherheitspass um Sicherheitspass spielt.

Was könnte es schon für Probleme geben? Die von Johann Cruyff geprägten Klubs spielten beide letzte Saison im 4-3-3, möchten stets dominant auftreten und sind sich so ähnlich wie kaum andere Weltvereine im Fußball. Selbst die ärgsten Zweifler mussten sich eingestehen, dass die Beziehung zwischen de Jong und Barcelona wie vorbestimmt schien.  

Ein mögliches Problem wurde trotzdem erkannt: In der Eredivisie mochte seine riskante Spielweise funktionieren, auf höchstem Niveau würde er diese jedoch kaum so konstant umsetzen können.

Die Anpassungsprobleme verwundern nicht

Neues Land, neue Sprache, neuer Verein, neue Liga: Es kam, wie es kommen musste: De Jong hat Anlaufschwierigkeiten.

In Abwesenheit von Messi lastete direkt Verantwortung im Spielaufbau auf de Jong, der in jedem Saisonspiel von Anfang an spielte. Doch statt die Fans mit seinen Dribblings zu verzücken, passt er sich dem biederen Barça an, wirkte mitunter überfordert, konfus. 

In der Vorbereitung lief es gut, aber ich muss zugeben, dass ich in der Liga nicht meine besten Leistungen gezeigt habe

„, gab de Jong im einem Interview mit De Telegraaf zu. Erste Kritik wird laut – de Jong ist nicht der erhoffte Antreiber. Doch stellt sich die Frage: Hatten die Zweifler Recht und die Spielweise des Niederländers funktioniert „nur“ auf Eredivisie-Niveau? 

Nein. Frenkie de Jong zeigt völlig normale Anpassungsprobleme nach dem Wechsel zu einem der besten Vereine Europas. 

De Jong sucht noch seine Position

 

Betrachten wir dafür die bisherigen Spiele: Im ersten Saisonspiel gegen Athletic Bilbao bot Valverde ihn als Sechser auf, was er bereits nach einer Halbzeit korrigierte. De Jong legte die Rolle anders aus, als der Chefcoach sie erwartet. Busquets und auch Rakitic bleiben in Ballbesitz ein „Anker“ vor der Abwehr. Sie bieten stets eine Rückpass- und Verlagerungsoption, besitzen allerdings trotzdem die Möglichkeit, im Gegenpressing weit aufzurücken.

Der Niederländer hingegen ließ sich immer wieder nach vorne mitziehen, weshalb das Gegenpressing Barcelonas deutlich erschwert wurde. Durch die fehlende Rückpassoption agierte Barça im zweiten Drittel vertikaler als gewohnt. In der zweiten Halbzeit gegen Bilbao sowie in den beiden Spielen gegen Betis und Osasuna agierte de Jong dann als Achter. Auch dort konnte er dem Spiel nicht wie gewünscht seinen Stempel aufdrücken. 

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Frenkie de Jong gab gegen Athletic Bilbao den Sechser vor der Abwehr – er hatte hier mitunter Probleme beim Positionsspiel. ANDER GILLENEA/AFP/Getty Images

Der 22-Jährige spielte mehr auf Sicherheit bedacht als man es von ihm gewohnt ist. Selten sah man sein aggressives, raumüberbrückendes Dribbling oder einen seiner kreativen Pässe. Das mag an dem – positiv formuliert – risikobewussten Fußball Valverdes liegen, der manchmal fast einschläfernd ist. De Jong scheint seine Rolle in diesem System noch nicht gefunden zu haben. 

Ist er der tiefe Achter neben Busquets, der das Spiel eröffnet und den Ball ins zweite Drittel trägt? Oder ist er der hohe Achter, der mit in die Spitze vorstößt?

Valverde scheint diese Frage noch nicht sicher beantworten zu können, sodass de Jong ein Zwischending aus beidem spielt. Das bisweilen improvisierte Bewegungsspiel des Niederländers passt aber so gar nicht zu den klaren Rollen der anderen Mittelfeldspieler und fällt dadurch störend auf. 

Barça ungleich Ajax

Zur Einordnung dieser Schwierigkeiten de Jongs hilft es, seine Rolle bei Ajax in der letzten Saison zu sehen: Im Spiel mit Ball besaß er so gut wie alle Freiheiten und konnte sich als Achter den Ball auch zwischen den Innenverteidigern abholen. „Der Fußball ist anders, als ich es gewohnt bin. Gegen Real Betis hatte ich die wenigsten Ballkontakte, normalerweise ist es andersrum“, gab de Jong im Telegraaf zu. Bei Ajax war er fast immer der Spieler mit den meisten Ballkontakten. Der Sechser, Lasse Schöne, balancierte die Bewegungen de Jongs aus und öffnete die Räume für sein Andribbeln.

Bei Barça ist Busquets hingegen der wichtigste Spieler im Aufbauspiel. Dementsprechend ist sein Bewegungsspiel zentrierter als das von Schöne, sodass de Jong etwas ausweichen muss, um nicht den Raum für Busquets zu versperren. Müßig zu erwähnen, dass Busquets bisher in jedem Spiel mehr Ballkontakte hatte als de Jong.

Dadurch fällt es dem niederländischen Nationalspieler schwerer, das Spiel an sich zu reißen. Die ungewohnt risikoarme Entscheidungsfindung de Jongs tut dann ihr Übriges, um erste Kritiker auf den Plan zu rufen. „Die Leute geraten in Panik, aber ich nicht“, gibt sich de Jong ruhig: „Ich weiß, dass ich dem Spiel mit dem Ball viel mehr beitragen kann, ich kann viel dominanter sein. Ich mache mir darüber keine Sorgen.“

Warum es nur besser werden kann

Es gibt genug Gründe dafür, dass der Stotterstart zwischen de Jong und Barça bald beendet werden könnte.

Erstens: Er hat erst drei Partien absolviert. Sicher, er hätte in diesen Spielen mehr überzeugen können, doch sind Anpassungsschwierigkeiten bei zentralen Mittelfeldspielern „normaler“ als beispielsweise bei isolierten Flügeldribblern: Aufgrunddessen, dass ihre Bewegungen für das Spiel viel wichtiger sind. Ein isolierter Flügeldribbler kann losgelöst vom Spielkontext eine gute Einzelaktion haben, die zu einem Tor führt. De Jong hingegen muss im gesamten Spielkontext funktionieren, was sich schwieriger gestaltet.

Zweitens: Der niederländische Nationalspieler überzeugt mit ungeahnten – oder vorher nicht beachteten – Stärken. Gegen den Ball zeigt er sich bisher äußerst aufmerksam. Seine Zugriffsfindung und sein Timing im Tackling sind gut. Außerdem gelingt es de Jong, den Gegner im Gegenpressing sofort unter Druck zu setzen. Davon profitiert auch Busquets, der gegen den Ball bisher glänzte. Durch den erhöhten Druck kann er den Ball noch früher und höher zurückgewinnen.

Drittens: Das Hauptargument der Zweifler, de Jong könnte nicht auf La Liga Niveau performen, wurde in der letzten Saison schon entkräftet. Der Mittelfeldspieler lieferte gegen Juventus Turin, Real Madrid und die Tottenham Hotspurs überragende Leistungen ab.

Er brillierte mit seiner Ballsicherheit und ließ das Pressing der Gegner immer wieder ins Leere laufen. Auch bei Barça stellt er seine Stärken unter Beweis. In einigen Dribblings deutete er seine Klasse bereits an. 

Dabei darf er in seiner Entscheidungsfindung noch risikofreudiger werden: De Jong besitzt die Kreativität, die dem Barça-Spiel bisweilen völlig abgeht. Die Rückkehr von Messi wird diese Aufgabe für den Niederländer erleichtern. Griezmann muss sich die Bälle nicht mehr so oft abholen und verteilen, sondern kann öfter in die Tiefe gehen.

Das sind die Laufwege, die de Jong überragend mit Pässen bedienen kann. Außerdem könnte es ihm gut tun, wenn sich die Aufmerksamkeit des Gegners mehr auf Messi und weniger auf ihn verlagert.

Zu hohe Erwartungen 

Nach drei Saisonspielen ist die Ernüchterung groß: Barça tritt äußerst bieder auf und die Ankunft von Frenkie de Jong scheint nichts daran zu ändern. Stattdessen passt sich der sonst so unbekümmerte Blondschopf dem Sicherheitsfußball der Katalanen an. 

Dabei müssen die Culés zugeben, dass ihre Erwartungen für den Anfang vielleicht zu hochgesteckt waren.

De Jong zeigt normale Anpassungsprobleme. Der Wechsel vom wichtigsten, fast frei agierenden Aufbauspieler seines Teams zu einem Topklub, in dem er einer von vielen Stars ist und sein Bewegungsspiel stärker an andere Spieler anpassen muss, ist nicht einfach.

Dabei macht der Niederländer nicht einmal große Fehler – er fällt nur nicht so positiv auf wie gedacht. Das ist auch schwierig in einem Team, in dem sich nahezu jeder Spieler unter Normalform befindet. Zudem fehlen mit Lionel Messi und Ousmane Dembélé zwei Weltklassespieler, wodurch in der Offensive improvisiert werden muss.

Die bisherigen Leistungen de Jongs sollten da fast die geringste Sorge der Culés sein. Er hat in seinen Partien seine Klasse mehrmals angedeutet. Dass er riskante Entscheidungen vermeidet, könnte aus dem hohen Druck resultieren, der zurzeit auf ihm lastet. Und ist für einen Spieler in neuer Umgebung völlig normal. De Jong muss sich erst zurechtfinden.

Wenn Valverde eine passende Rolle für ihn findet und die Offensivspieler Barças (vorallem Messi) zurückkehren, wird auch de Jong sein gesamtes Potenzial zeigen. Seine individuelle Qualität hat er in der Champions League bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt. 

Und an den ganzen positiven Vorzeichen hat sich nichts geändert: De Jong passt hervorragend zu Barça. Ob als tiefer oder als hoher Achter kann er Effekt entwickeln und seine Dribblings können dem Valverde-Fußball eine neue Dimension geben.

Wer weiß? Vielleicht kommt er nach der Länderspielpause vor Selbstvertrauen strotzend wieder und macht seinen kleinen Stotterstart sofort wieder vergessen. Wenn es jemandem zuzutrauen ist, dann Frenkie de Jong.

cavanisfriseurbanner

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Henri Hyna und entstammt einer Kooperation mit Cavanis Friseur.

Cavanis Friseur ist ein Blog über den internationalen Fußball. Ihr könnt Cavanis Friseur auf Twitter, Instagram oder Facebook folgen.

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