Türchen Nr. 8 – Ein etwas anderer Rückblick auf Tata Martino (2)

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Ein neuer Tag bricht an und deshalb öffnen wir wieder in Türchen für euch. Hinter unserem 8. Türchen verbirgt sich der zweite Teil der Zeugniskonferenz über Tata Martino(hier geht’s zum ersten Teil). Jetzt entscheidet sich, ob der neue Trainer tatsächlich in die nächste Stufe versetzt wird. Kommt er bei Louis van Gaal, Tito Vilanova und Co. gut weg oder muss er nachsitzen, womöglich sogar eine Ehrenrunde drehen? Es bleibt spannend!

Dass Louis van Gaal derjenige ist, der über die taktischen Vorstellungen von Tata Martino referieren kann, und nicht Pep, freut ihn besonders. Auch er hat etwas auf dem Kasten, so seine Meinung, und hat sich akribisch auf diesen Moment vorbereitet. Nicht nur zwischen den Spielern, sondern auch zwischen den Trainern gibt es sowas wie eine Rivalität und es kommt für ihn nicht infrage, gerade in diesem Moment Schwäche zu zeigen. Er setzt seine ernste, leicht grimmig anmutende Miene auf – die Heiterkeit von vor 20 Minuten ist verflogen – und legt los.

Meine Damen und Herren, mein Thema ist eng verflochten mit der zuvor von Pep erörterten Spielweise der Mannschaft, deshalb kann weder das Eine noch das Andere losgelöst betrachtet werden. Pep hat die Spielweise kritisiert und wird sie womöglich zu Recht mit einer schlechteren Note abstrafen. Er hat nach dem Einwand von Tito aber bereits anklingen lassen, dass er sich über die Kehrseite der Medaille im Klaren ist. Ein Spiel kann schlecht anzuschauen sein, gegen altbewährte Traditionen verstoßen und der immanenten Philosophie zuwiderstreben, zeitgleich aber unter einem taktischen Blickwinkel hocheffizient sein. Und unter einem solchen ist der Auftritt der Mannschaft nicht unbedingt zu beanstanden. Das Spiel unter Tata ist einem bestimmten Ziel untergeordnet: Es geht darum, Tore zu erzielen, und damit ist das Vorhaben, eine bestimmte spielerische Identität zu wahren, nur bedingt vereinbar. Tatas Spiel ist schnell, vertikal, für die Verhältnisse von Barça zum Teil sehr unkonventionell – aber es ist desgleichen auch effektiv, ereignisreich und zumeist auch siegreich. Es geht Tata dabei aber keinesfalls darum, die alte Spielphilosophie zu untergraben, das ist nicht sein Motiv. Wenn man sich den Verlauf eines Spiels als eine Abfolge sich ändernder Wahrscheinlichkeiten vorstellt, dann versucht Tata, vereinfacht ausgedrückt, den Zeitraum, in dem die Chancen auf ein Tor am günstigsten stehen, für seine Zwecke zu nutzen. Hieran ist nichts Verwerfliches! Wozu soll eine Mannschaft dem Gegner die Möglichkeit geben, sich zu ordnen, wenn dadurch die Wahrscheinlichkeit eines Treffers rapide abnimmt? Das macht nur wenig Sinn, wenn es darauf ankommt, schnellstmöglich einen Treffer zu erzielen und die Möglichkeiten bei einem zurückgezogenen Gegner unwägbar sind. Die Gegner haben sich immer besser auf das Spiel von Barça eingestellt, bis die Nachteile die Vorteile des langsamen, vollkommen auf Kontrolle ausgelegten Spiels überwogen. Das bedeutet nicht, dass die Kontrolle jetzt gänzlich abhanden gekommen ist. Barça kontrolliert seine Gegner immer noch, nur nicht mehr unbedingt durch den Ballbesitz, vielmehr durch die Anzahl von Chancen und die Tore. Die taktische Ausrichtung ist anders, aber hey, man braucht nur einen Blick auf die Tabellen zu werfen und weiß, dass der Trainer sein Handwerk durchaus versteht. <Was ist mit dem Rückspiel gegen Ajax Amsterdam?>, wirft Pep frech in die Runde.
In den letzten Minuten konnte er dem Vortrag nur bedingt folgen, ohne dass ihm aber Information entgangen wäre. Er hatte schon alles selbst durchdacht, und sogar noch viel mehr. Seine Gedanken kreisen rastlos um etwas anderes, etwas viel Wichtigeres. Ich komme nicht mehr zurück, hatte er einst von sich gegeben, doch nur die Wenigsten wissen, dass es im Affekt geschehen ist, bei dem Wut und Enttäuschung die Oberhand gewonnen haben. Doch plötzlich scheint dies eine immer kleinere Rolle zu spielen, etwas anderes hat ihn gepackt und lässt ihn nicht mehr los, und jede Gegenwehr scheint so zwecklos wie das Aufbäumen der Gegner gegen sein großes FC Barcelona. Barcelona..ist es Heimweh? Spüre ich soetwas wie Sehnsucht, ein tiefes Verlangen nach der Stadt, den Menschen, nach dem kurzen, aber herzlichen Gespräch mit dem Platzwart, der immer ein Ohr für mich frei hatte und mir mehr geholfen hat, als irgendwer vermutet? Er wusste, dass ihn das irgendwann einholen, dass sein Herz das alles irgendwann einfordern würde. Noch kann er dem standhalten, aber mit den Jahren wird es wachsen und dann kann er sich nicht mehr dagegen wehren – dessen ist er sich jetzt sicher.
Ich hatte mir schon gedacht, dass du dieses Spiel ansprichst, Pep. Im Gegensatz zu vielen anderen bin ich aber nicht der Meinung, dass man die Niederlage auf einen mangelhaften taktischen Ansatz zurückführen kann. Tata standen zahlreiche gestandene Spieler nicht zur Verfügung. In der ersten Halbzeit haben die Spieler von Ajax insgesamt fünf Kilometer mehr Wegstrecke zurückgelegt – das ist eine gewaltige Diskrepanz! Ohne läuferischen Aufwand, ohne Intensität fällt jede taktische Ausrichtung wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Im Hinspiel hat Ajax nicht viel weniger investiert, und trotzdem gingen sie unter. <So leicht kannst du dich diesmal nicht aus der Affäre ziehen>, unterbrach ihn Pep. Ajax hat so gespielt, wie ich es seit jeher von Barça gewohnt war. Sie haben hoch verteidigt, stark gepresst und kollektivtaktisch eine Meisterleistung abgeliefert – das ist der Totaalvoetbal, der Barça immer ausgezeichnet hat. Das ist für mich der Beweis, dass mit der nötigen Intensität auch diese Spielweise noch erfolgreich ist. Ungeachtet dessen, für welches Spiel man sich entscheidet, ist die Intensität der Schlüssel. Und dort sehe ich, genauso wie du Louis, den größten Handlungsbedarf. Ohne jetzt auf die anderen Fächer vorgreifen zu wollen, möchte ich euch verdeutlichen, was ich meine.

Pep geht zum Flipboard und zeichnet etwas darauf, und als er fertig ist, fällt ihm das nervöse Rumgewühle von Jordi Roura direkt auf. Jordi weiß sehr gut, was jetzt kommt. Immer dann, wenn Tito oder Tata etwas aufzeichnen wollen, wird es kompliziert und er versteht kein Wort mehr. Er geht davon aus, dass es bei Pep sogar noch schlimmer wird. Deshalb holt er jetzt seinen Taschenrechner aus der Tasche. Das tut er immer, wenn er etwas nicht versteht, nicht zu verstehen droht und verunsichert ist; er denkt, dass es ihn klug erscheinen lässt. Wenn er im Spiel gegen die Bayern einen Taschenrechner zur Hand gehabt hätte, hätte er ihn ebenfalls hervorgeholt – nur leider war er in der anderen Jackentasche. Und er ist froh, dass es nicht das Einzige ist, was die anderen nicht über ihn wissen. Es fängt an bei der Aufstellung von Lionel Messi gegen die Bayern im CL-Halbfinale an. Messi hatte gegen Jordi eine Partie ‚Mensch ärgere dich nicht‘ gewonnen und sich damit praktisch selbst aufgestellt. Der Argentinier gilt als begnadeter ‚Mensch ärgere dich nicht‘-Spieler, der nicht so leicht zu knacken ist. Wenn man eine Entscheidung durchsetzen will, die dem Willen von Messi zuwiderläuft, muss man sie mit einem Sieg beim besagten Spiel legitimieren. Diese Eigenwilligkeit kannte auch Pep, der Messi nicht besiegen konnte und dadurch seinen Spieler Zlatan Ibrahimovic verloren hatte. Pep war sich der Konsequenzen bewusst, sah aber keinen anderen Ausweg. Als er mal nach einer Niederlage nicht auf den Wunsch von Messi einging, kam dieser mit einem Löffel im Mund zum Training – verrückt, aber wahr.
Auf dem Feld hatte Pep aber stets die vollkommene Kontrolle, und als Tito Vilanova im Halbfinale gegen die Bayern die Frage an Jordi richtete, was sie denn tun sollten, wünschte er sich, dass es Pep wäre, zu dem er sprach. Stattdessen aber war es Jordi Roura, der ihm daraufhin den Vorschlag unterbreitete, später zum Italiener zu gehen. Das Essen der Chinesen hätte ihm nicht sonderlich bekommen, erklärte er, nachdem kurz zuvor das 2:0 für die Münchener fiel. 
Pack den Taschenrechner ein, den brauchst du nicht, erklang die Stimme von Johan direkt neben Jordi. Der Holländer konnte dem bisherigen Meeting nur halb folgen. Er hat mit einem Ohrwurm zu kämpfen, den er nicht loswerden kann. ‚Because I got high, because I got high, because I got high‘ lief es in einer Endlosschleife, aber es war nicht so, dass er genug von seinem Lieblingssong hätte – nur war gerade nicht der passende Zeitpunkt, dieses seiner Ansicht nach erstklassige Musikstück jetzt zu konsumieren. Jordi folgt der Aufforderung von Johan und entschließt sich, fortan seinen klügsten Gesichtsausdruck aufzuziehen und dadurch sein Verständnis zu suggerieren. Seine Augen werden zu kleinen Schlitzen, so als ob er von der Sonne geblendet werden würde, die am heutigen Tag wohl nicht mehr aufscheint. Pep kümmert sich nicht weiter um den etwas eigenartigen Ausdruck von Jordi, sondern macht einen Schritt zur Seite, sodass seine Zeichnung sichtbar wird.

Ich habe eine kleine Zeichnung angefertigt, die aufzeigt, wo meiner Meinung nach die Schwächen der Mannschaft liegen. Ich möchte damit, wie bereits gesagt, nicht dem nächsten Fach vorgreifen, das sogleich folgt, denke aber, dass es die derzeitigen Probleme gut auf den Punkt bringt. Sie haben in der Tat nur wenig mit der Taktik zu tun, weshalb ich Louis in seiner Einschätzung nur unterstützen kann. Was die Spielweise anbelangt, kann ich aber nicht von meinem Standpunkt abrücken – an Totaalvoetbal in Reinkultur kommt die Spielweise einfach nicht heran.

Die Zeichnung ist selbsterklärend und findet überwiegend Zustimmung. Selbst Jordi kann dem Gedankengang von Pep gut folgen und verbucht das als großen Erfolg. Na, soo schlecht bin ich doch gar nicht, freut sich Jordi in sich hinein. Während Pep sich auf seinen Platz zurücksetzt, ergreift wieder Louis das Wort. Bevor ich den Ball an Tito weitergebe (derjenige, der in Besitz des rotblauen Barça-Balles ist, ist an der Reihe; damit soll verhindert werden, dass alle durcheinander reden), möchte ich noch begründen, warum ich Tata in Sachen Taktik nicht nur gut, sondern sogar sehr gut einstufe. In seinem ersten ‚El Clásico‘ hat er gezeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Er hat die Spielweise von Madrid antizipiert und Messi auf rechts beordert. Hehe, das war schon allererste Sahne, er hat diesem Ancelotii ganz schön eingeheizt. Es lassen sich noch weitere Beispiele anführen, auf dich ich jetzt nicht näher eingehen will. Der Mann hat Ideen und kann sich auf andere Mannschaften einstellen – ich bin mit seiner taktischen Vorstellung mehr als zufrieden und gebe das Wort weiter an Tito. Hier, fang den Ball, Tito!

Spielerisch fängt Tito den etwas härter und unpräzise geworfenen Barça-Ball und wirft dem verblüfften Louis sein fiesestes Grinsen zu, bei dem er aber immer noch einen sympathischeren Eindruck hinterlässt als Mourinho bei seiner Hochzeit. Ich sollte Tata danach beurteilen, wie und ob ihm die Integration der Jugendspieler gelingt. In meinen Augen hat Tata in diesem Punkt komplett versagt. Er überfordert die Jugend total und setzt sie sogar in Pflichtspielen ein. Habt ihr gehört, in Pflichtspielen! Marc Bartra, Martín Montoya, Sergi Roberto und wie sie alle heißen sind doch noch lange nicht so weit, als dass sie so viel Verantwortung tragen könnten. Da werde ich wahnsinnig, ernsthaft! Er kann doch nicht so verblendet sein und einen Xavi, Busquets oder Iniesta auf der Bank lassen. Wenn die Spieler fit sind, müssen sie spielen. Ein Xavi hat noch mindestens zehn, fünfzehn gute Jahre vor sich, es besteht keine Notwendigkeit, jetzt alles zu überstürzen und ihn auf die Bank zu setzen. Ich empfinde es als eine große Frechheit und Respektlosigkeit gegenüber den wahren Stars von Barça. Und wie es den jungen Spielern dabei ergeht, will ich gar nicht wissen. Sie sind bestimmt am Boden zerstört und hoffen an jedem Spieltag aufs Neue, dass sie einen Platz auf der Tribüne ergattern. Häufig ist die Hoffnung vergeblich und die Spieler erleiden durch die Einsätze ein tiefes Trauma.
In der Runde macht sich Fassungslosigkeit breit. Hat er das gerade tatsächlich gesagt oder hab ich mir heute Morgen zu viel reingezogen, fragt sich Johan. Auch Pep, Frank und Louis zweifeln an der Funktionstüchtigkeit ihres Hörorgans. Tito, das kann doch nicht dein Ernst sein, richtet sich Frank an ihn. Doch, ich sollte Tata benoten und gebe ihm nach bestem Wissen und Gewissen eine 5.
Keiner der Anwesenden weiß, wie diese Beurteilung zustande kommt. Keiner von ihnen weiß, welche ‚Höllenqualen‘ er als Trainer von Barça durchleben musste, in ständiger Angst, was wohl als nächstes passieren würde. Die ständigen Streiche der Jugendspieler untergruben seine Autorität. Einmal wurde sein Stuhl so präpariert, dass er auseinanderflog, als er sich draufsetzte. Er hatte keinen Beweis, wer es war. Sein Gefühl sagte ihm aber, dass es die Jungspunde waren. Die ganze Mannschaft machte sich über ihn lustig. Die werden bei mir für die nächsten vier Monate nur die Tribüne sehen, hatte er sich damals geschworen, und er hat sein Vorhaben in die Tat umgesetzt, worauf er sehr stolz war. Als er sie dann wieder einsetzen wollte, bekam er es mit einem viel größeren Problem zu tun. Eines Abends nach dem Training hat ihm Xavi aufgelauert und ihn in die Mangel genommen. Wenn du mich auf die Bank setzt, mach ich dich fertig. Ich schwöre, ich lass Puyol auf dich los, hat er damals zu hören bekommen. 1,70 Meter können ganz schön bedrohlich sein, dachte Tito damals. Auch ohne die Drohung mit Puyol hat ihn Xavi ganz schön eingeschüchtert – er hat gehört, dass der Mittelfeldspieler den schwarzen Gürtel in Karate besitzt. Dass er es ernst meinte, erkannte Tito daran, dass Xavi ihn am Ende noch in den Arm gekniffen hat – diese Kneifattacke empfand er als sehr schmerzhaft!
Tut mir leid, Tito, aber ich denke, dass du aus welchen Gründen auch immer befangen bist, meldet sich nun auch Pep zu Wort. Ich werde deine Note zur Disposition der Versammlung stellen müssen.  Tito ist das ganz recht. So ist er fein aus dem Schneider, falls er Xavi über den Weg laufen sollte.

Frank, wie steht es um den Rückhalt von Tata in der Mannschaft? Frank Rijkaard bleibt sitzen. Er hat ohnehin nicht so viel zu sagen und würde binnen weniger Minuten seine gute Benotung so begründen können, dass keine Zweifel zurückbleiben. Nun, Pep hat es zu Beginn schon angedeutet: Die Spieler stehen vorbehaltlos hinter ihrem Trainer und stärken ihm bei jeder Gelegenheit den Rücken. Kein Spieler hat bisher ein schlechtes Haar an ihn gelassen, ungeachtet dessen, wie verlockend die Fragen der Journalisten auch gestellt waren. Auch die hochrangigen Akteure der Mannschaft sind voll des Lobes und stehen zu Einhundertprozent hinter ihm. Das betrifft sowohl die Spiel- als auch die Arbeitsweise. Zudem scheint Tata auch menschlich richtig gut anzukommen, die Mannschaft und der Trainer liegen auf der gleichen Wellenlänge. Am Anfang gab es Gerüchte, dass Leo auf die Verpflichtung von Tata hingewirkt haben soll. Diese entpuppten sich aber schnell als Märchen. Dass der Funke dem Anschein nach übergesprungen ist, liegt allein im Verantwortungsbereich des Trainers, der seine Spieler im Griff hat. Für mich gibt es keinen Grund, mit einer guten Note hinter den Berg zu halten. Tata genießt den Rückhalt seiner Mannschaft in vollem Umfang. 
<Vielen Dank Frank, die Zeit rennt uns davon, wir möchten gleich fortfahren mit Johan, der das öffentliche Auftreten des Trainers in Augenschein genommen hat.> Johan knüpft nahtlos an die Worte von Pep an: Auch ich kann mich kurz halten. Die öffentlichen Auftritte von Tata sind souverän, sachlich und in keiner Weise zu beanstanden. Im Gegensatz zu vielen anderen Trainern geht Tata thematisch sehr in die Tiefe und liefert den Culés einen Einblick in seine Gedankenwelt und die strategische Ausrichtung während des Spiels. Das ist nicht selbstverständlich und ein Segen für alle Taktik-Fans! Mit Selbstkritik geht Tata nicht sparsam um, er legt stets den Finger in die Wunde und lässt keinen Fehler unbeleuchtet. Das macht er aber nicht, um seine Mannschaft bloßzustellen – er betrachtet die Fehler in einem perspektivischen Kontext und möchte, dass er und seine Mannschaft aus ihnen lernen. Ich halte bei ihm den Daumen hoch.
Danke, Johan! Jordi, du hast auch noch etwas für uns vorbereitet. Jordi blickt wenig verlegen auf seine Unterlagen, die vom Umfang her nicht mal annähernd an die Abhandlungen der anderen Trainer heranreichen. Zwei mickrige Seiten hat er zusammengetragen, eine davon am heutigen Morgen. Er ist sehr dankbar für das Thema, es liegt mir im Blut, sagt er zu sich selbst. Ja liebe Freunde, richtet er sich jetzt an die Versammlung, auch ich habe etwas zusammengetragen. Ich soll Tatas Style benoten, und er kommt bei mir gut weg. Sein Polo-Hemd ist legendär, das Grün ist einfach der Hammer! Mittlerweile riecht es zwar ein bisschen streng, aber darum geht es ja nicht. Seine Kleidung ist schlicht, bescheiden und sportlich. Sie ist insbesondere sympathisch, nicht aufdringlich, etwas, was man von einem maßgeschneiderten Designer-Anzug nicht behaupten kann. Innerlich platzt Jordi bei der letzten Feststellung vor Freude, endlich hat er es Pep einmal gegeben. Tatsächlich fühlt sich Pep bei der Bemerkung angesprochen, fasst sie aber als ein Kompliment auf – was weiß er schon von Mode?

Nur acht Minuten nach dem letzten Fach ist die Zeugniskonferenz offiziell beendet, doch keiner verlässt sofort seinen Platz. Die vormals äußerst seriöse Konversation geht in belanglosen Smalltalk über, und es dauert nicht lang, bis die Frage schlechthin fällt. Wieso ist Pep Guardiola zu den Bayern gegangen?…Ich brauchte eine Herausforderung. Was ist anspruchsvoller, als zu einem Verein zu wechseln, der zuvor alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt? Die Erwartungshaltung ist enorm, jeder rechnet damit, dass der Erfolg der Vorsaison wiederholt wird. Und genau das macht den Reiz aus. Es war keine feige Entscheidung, sich mit den Bayern an einen Tisch zu setzen. Es erforderte im Angesicht der jüngsten Erfolge Mut und Entschlossenheit, und vielleicht ist das mein bisher größtes Projekt.
Wie gefällt es dir bei den Bayern?, fragt Louis, ehemaliger Trainer in München. Es ist wundervoll, die Spieler tun genau das, was ich von ihnen verlange. Philip Lahm liest mir sogar jeden Wunsch von den Lippen ab. <Der intelligenteste Spieler, den du jemals trainiert hast, richtig?>, lacht sich Johan einen ab. Oh ja, Philip hatte beim Abitur einen Einser-Schnitt! Mit ihm kann ich sogar Schach spielen. Er bringt mich regelmäßig in die Bredouille, ich muss sogar manchmal mit der ‚False Horse‘ spielen. Mit Messi geht das nicht, der kann nur ‚Mensch ärgere dich nicht‘. Wenn du ihm sagst, er soll nach links laufen, dann läuft er nach rechts. Nach einiger Zeit wurde es sehr anstrengend, Messi genau das Gegenteil davon zu sagen, was man meint.

Kurz darauf gingen alle getrennte Wege. In einem halben Jahr werden sie sich wieder treffen und eine erneute Beurteilung vornehmen.

Hinweis: Das Zeugnis von Tata Martino steht unter dem Artikel zum Download bereit.

Zeugnis von Tata Martino

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