Brennpunkte | Zu einseitig, zu ideenlos: So verliert Barça seine DNA

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Der FC Barcelona versuchte sein Glück am Montag gegen den FC Granada vor allem über Flanken. Torgefährlichster Akteur dabei war Ronald Araujo, der wenigstens das 1:1-Unentschieden rettete. Philippe Coutinho und Yusuf Demir nutzten ihre Chance nicht. Die Brennpunkte zum Spiel.

Barcelonas Plan: Flanken, Flanken, Flanken

Am auffälligsten war an diesem Abend sicherlich die Masse an Flanken, die der FC Barcelona schlug. Um genau zu sein, waren es 54 an der Zahl. Trotzig reagierte Chefcoach Ronald Koeman noch auf der Pressekonferenz nach dem Spiel und fragte die Journalisten, ob man denn jetzt „Tiki Taki“ spielen solle. Nicht ganz, aber etwas mehr Spielidee hätte man sich nach dem einfallslosen Auftritt beim 0:3 gegen den FC Bayern in der Champions League vergangenen Dienstag schon erhofft.

Keiner erwartet aktuell, dass die sich im Umbruch befindende und junge Mannschaft jeden Gegner an die Wand spielt. Es erwartet auch niemand, dass der alte „Tiki Taka“-Spielstil wieder auflebt und sich die Mannschaft durch das Zentrum bis zum Torerfolg kombiniert. Doch die Anzahl an Flanken spricht eine deutliche Sprache, wie einseitig und ideenlos der aktuelle Spielstil ist. Ein Barça ohne den Hauch der Barça-DNA.

Der FC Granada ging durch Domingos Duarte früh in Führung (2.) und machte das Zentrum von da an dicht. Die Andalusier gaben dadurch den Außenspielern Barças ordentlich Raum auf den Flügeln, mit dem Philippe Coutinho und Co. jedoch herzlich wenig anfangen konnten. Ein cleverer Schachzug der Gäste, denn ohne echten Neuner im Zentrum und wirkliche Flügelspieler auf den Außenbahnen waren die Hereingaben ins Zentrum ertraglos.

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Wenn es aber mal gefährlicher wurde, dann in Verbindung mit einer Standardsituation. Zwölf Eckbälle hatte die Blaugrana zu verbuchen. Bestes Beispiel dafür ist die 79. Minute, als der eingewechselte Luuk de Jong als Stürmer eine Gelegenheit nach einer Ecke aus fünf Metern kläglich vergab. Ironischerweise erzielte mit Araujo ein Verteidiger nach einem Flankenball im Sechzehner noch den erlösenden Ausgleichstreffer in der 90. Minute.

Ronald Araujo im „Beast Mode“

Was für ein Auftritt des Uruguayers. Araujo ging als Leader voran und absolvierte eine nahezu perfekte Partie (Barçawelt-Note 9, Man of the Match). Der Abwehr-Spezialist brachte 94 Prozent seiner Pässe an den Mann und gewann rund 83 Prozent seiner Luftduelle. Außerdem war er mit seinen fünf Abschlüssen derjenige, der am meisten Torgefahr bei den Katalanen ausstrahlte und das Team am Ende wie erwähnt vor einer Niederlage bewahrte.

Doch nicht nur statistisch konnte der Araujo überzeugen. Der 22-Jährige strahlte Ruhe und Sicherheit aus und führte das junge Ensemble (Altersdurchschnitt der Startelf: 24,3 Jahre) an. Die Ansätze, dass er das Zeug hat, um ein ganz Großer zu werden, zeigte er schon in der vergangenen Saison. Doch den Südamerikaner plagten in der Vergangenheit immer wieder Muskel- oder Knöchelverletzungen, die ihn außer Gefecht setzten und in seiner Entwicklung somit zurückwarfen.

Jetzt ist er aber wieder fit und kann Barça in einem weiteren Jahr des Umbruchs enorm helfen. Auch Trainer Ronald Koeman weiß es zu schätzen, ihn in den Reihen zu haben. „Araujo ist ein großartiger Profi, hat eine exzellente Einstellung gegenüber der Arbeit. Er ist wichtig für die Mannschaft“, sagte Koeman nach dem Spiel.

Matte Barça-Offensive: Coutinho und Demir enttäuschen

Philippe Coutinho sowie die beiden Youngster Yusuf Demir und Alejandro Balde wirkten in dieser Saison zum ersten Mal von Beginn an mit. Getreu dem Motto „Jugend forscht“ und angesichts der personellen Probleme warf Koeman, der grundsätzlich auf junge Talente setzt, den 18-jährigen Österreicher und den 17-jährigen Katalanen ins kalte Wasser.

Doch nur einer der beiden konnte sich beweisen und für weitere Einsätze empfehlen. Balde war sehr umtriebig und viel am Ball, konnte allerdings keine entscheidenden Akzente setzen. Für den Linksverteidiger war es dennoch ein sehr ordentliches Startelf-Debüt, wenngleich er das Spielfeld schon nach 42 Minuten wegen Rückenbeschwerden verlassen musste.

Demir und Coutinho hingegen blieben jeweils blass. Demir scheint eigentlich wie gemacht für solche Spiele. Er ist bekannt dafür, sich auf engstem Raum durch seine feine Technik am Ball freizuspielen und für die überraschenden Momente zu sorgen. Aber auch mit dem Offensiv-Juwel sollte man erst einmal nicht zu hart ins Gericht gehen. Demir befindet noch ganz am Anfang seiner Karriere und konnte in den Vorbereitungsspielen und Kurzeinsätzen schon andeuten, was in ihm steckt. Doch La Liga ist nunmal eine andere Hausnummer als ein paar Freundschaftsspiele.

Wer nicht mehr so viel Zeit haben dürfte, sich im Camp Nou zu beweisen, ist Coutinho. Selbst nach der Umstellung im zweiten Durchgang, als er von der Außenbahn ins Zentrum rückte, zeigte der Brasilianer letztlich viel zu wenig (Barçawelt-Punkte: 2). Klar ist aber auch: Er kommt erst von einer langen Verletzung zurück. Doch auch dieser zeitlich begrenzte Schutzmantel schwindet – ähnlich wie bei seinem Cheftrainer – umso schneller, wenn er durch Leistungen nicht positiv auf sich aufmerksam macht.

Luis Manzi
Freier Sportjournalist
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